100 Anhang.
Bevor ich von dem Kanzler Abschied nahm, bat ich um die Erlaubnis,
eine weitere Frage stellen zu dürfen, deren Beantwortung seinen
bisherigen Mitteilungen großes Gewicht verleihen würde. Ich verwies
darauf, daß man in England glaubte, Deutschland sei uns ein wirklicher
und ein Todfeind, und fügte hinzu: Man verbreitet auch jenseits
des Kanals, Ew. Exzellenz hege eine tiefe Abneigung gegen England.
Wollen Sie mir gütigst gestatten, auf diese Anschuldigung zu antworten.
Gewiß, antwortete der Kanzler in ernstem Tone, „ich will diese Frage
als Mensch und als Politiker beantworten. Als Politiker und deutscher
Staatsmann halte ich dafür, daß es verkehrt und verbrecherisch wäre,
eine Politik zu vertreten, die darauf ausgeht, Feindschaft zwischen zwei
großen Nationen wie Deutschland und England zu säen, die beide für
die gesittete Welt unentbehrlich sind. Ein Krieg zwischen diesen beiden
Völkern wäre ein heilloses Unglück, und ich wiederhole es, ein unverzeihliches
Verbrechen bei einem Staatsmann, der ihn geflissentlich hervorruft
oder so handelt, daß er möglich oder wahrscheinlich wird. Als
Mensch kann ich Sie versichern, daß meinen Gedanken nichts ferner liegt
als Abneigung, geschweige denn Haß oder Feindschaft gegen England.
Ich bewundere das Land, sein Volk und seine Literatur. Bitte, erklären
Sie, daß ich die Anschuldigung ganz nachdrücklich von mir weise,
als ob ich auch nur das leichteste Ubelwollen oder die leichteste Abneigung
gegen England oder die Engländer empfände, eine Anschuldigung,
die mir ganz neu und ganz unverständlich ist.
XXIII. Festrede im Deutschen Landwirtschaftsrat 1905.
Auch im Jahre 1905 folgte der Reichskanzler der Einladung des Deutschen
Landwirtschaftsrates zu dessen Festmahl. Es fand am 8. Februar statt. Seine
Rede war diesmal mit Rücksicht auf die kurz zuvor abgeschlossenen Handelsverträge
von besonderer Bedentung.
Reichskanzler Graf von Bülow:
Als ich vor zwei Jahren um diese Zeit in Ihrer Mitte weilte, lagen.
die schweren Kämpfe um das Zustandekommen des neuen Zolltarifs eben
hinter uns. Damals war die Saat gelegt worden. Damals versprach
ich Ihnen, daß die Interessen der deutschen Landwirtschaft bei den