Geschlechtsleben. 225
Ist sie vom Kinde zur Jungfrau herangereift, so wird sie gefreit, und
solange sie zengungsfähig bleibt, ist sie Mutter, Amme und Kinderpflegerin.
Mit beginnendem Greisenalter erlischt ihre eigentliche Bedeutung, ihr Hauptlebenszweck;
sie ist unnütz, weil sie den Geschlechtslosen gleich wurde. Anders
wird ihre Bedentung und soziale Stellung von dem Augenblicke an, wo sie
teilnimmt an den Kulturaufgaben ihrer Zeit. Obwohl ihre körperlichen Aufgaben
immer dieselben bleiben, hat sich längst ein eigenes Seelen= und Geistesleben
in ihr entwickelt, das noch in aufsteigender Linie sich befindet. Je
ausgeprägter dieses ist, desto weniger ist sie Geschlechtswesen; je mehr es
zurücktritt, desto deutlicher nähert sie sich der Tiernatur. Zur Erhaltung
der leiblichen und seelischen Gesundheit ist die natürliche Betätigung jener
„Tiernatur“ im Menschen aber bis zu gewissen Grenzen Notwendigkeit; ihre
Verkümmerung hat verbogene Menschengestalten zur Folge, wie sich jeder
überzeugen kann, der sich ein wenig umsehen will. Darum Erhaltung der
Gesundheit jener Organe, welche den Geschlechtstypns schufen, keine
verbogenen und verkümmerten Geschlechtscharaktere! Die höhere geistige
Entwicklung der Frau hebt auch die geschlechtlichen Aufgaben auf eine andere
Stufe, sie durchgeistigt und veredelt sie, ohne sie ihrer Natürlichkeit zu berauben.
Dies alles denen zur Erhebung und Klärung, die zweifeln und
suchen und beständig mit sich selbst im Kampfe liegen, weil die herrschenden
Gebräuche und Anschauungen und die Stimme der Natur leider nicht immer
in Einklang zu bringen sind.
Welche sind die Fortpflanzungsorgane des Weibes? Wie wir schon
aus dem ersten Kapitel wissen: das muskulöse Hohlorgan, die Gebärmutter,
lateinisch uterus, die Keimdrüsen oder Eierstöcke, lateinisch ovarien, und
die zu- und ableitenden Organe, wie die Eileiter oder Tuben, die Scheide
oder vagina und das Begattungsorgan, die nach außen liegende weibliche
Scham. Fig. 145 stellt iungfräuliche Organe dar und sämtliche inneren
und äußeren Teile derselben. Die Erzeugnisse der Eierstöcke sind jene kleinen
Keimzellen, „Eier“ genannt, die, wenn sie vom männlichen Samen getroffen
werden, sich zu entwickeln beginnen und zu einem nenen Individuum
im Mutterleibe auswachsen. Sie bestimmen den weiblichen Geschlechtstypus,
ihre Gesundheit bedingt das normale Weib.
Der Uterus ist nur „Fruchthalter“, weil er keine andere Bestimmung
hat, als Ei und Samen in sich aufzunehmen und die wachsende Frucht so
lange in sich zu bergen, bis sie zur Ausstoßung reif ist. Die Eileiter sind
„zuführende“" Organe, weil sie die Eizelle vom Eierstock nach der Gebärmutterhöhle
leiten; die Scheide ist das Mündungsrohr der Gebärmutter, hat
sowohl die Aufgabe, die Sekrete der letzteren, sowie die reife Leibesfrucht
nach außen zu führen, als auch beim Begattungsakte das mämliche Befruchtungsorgan
in sich aufzunehmen und so den Eintritt des Samens in die
Gebärmutter zu ermöglichen.
Die Frau als Hausärztin.
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