Full text : Amtliche Kriegsdepeschen Band 2 (2)

62  Geschichtliche  Einführung.

eines  Nassauers  aufzuwiegen,  daß  es  5  Millionen  Privilegierte  und
16  Millionen  politisch  minder  Berechtigte  geben  solle,  und  dieses  die
Preußen  seien.!  Der  mächtigste  Feind  aber,  der  allen  (außer  den
letztgenannten)  Rückhalt  gab,  war  Oesterreich,  das  Preußens  bundesstaatliche
  Pläne  zu  untergraben  strebte  und  bereits  im  November  1849
durch  diplomatische  Noten  protestierte.  Oesterreichs  Bemühungen
fanden  bei  den  Königreichen  erwünschten  Anklang,  und  Bayern,  das
sich  als  dritte  deuische  Großmacht  hierzu  berufen  fühlte,  brachte  im
Verein  mit  Sachsen  und  Württemberg  den  Münchener  Entwurf
(Februar  1850)  zustande,  der  ein  Direktorium  von  7  Mitgliedern
und  eine  zu  ½  aus  Oesterreichern,  ½  aus  Preußen,  ½  aus  den
übrigen  Staaten  bestehende  Nationalversammlung  vorschlug,  jevoch
ohne  jeden  praktischen  Erfolg  blieb.

III.  Am  26.  April  1850  berief  Oesterreich  „kraft  seines  Präsidialrechtes“
  die  Bundesglieder  nach  Frankfurt,  und  obwohl  der  Fürstenkongreß
  (siehe  oben)  dies  nicht  anerkannte,  konstituierten  sich  elf  Regierungen
  als  Bundesplenarversammlung  und  faßten  die  völlig
widerrechtlichen  Beschlüsse  betreffs  Schleswig-Holsteins  und  Kurhessens.
  Die  hauptsächlich  von  bayerischen  Truppen  („Strafbayern")
vollzogene  Bundesexekution  sollte  die  „kurhessische  Frage“  lösen  und
damit  Gelegenheit  zum  Kriege  gegen  Preußen  geben.  Dort  schien
es,  als  ob  man  den  Kampf  aufnehmen  wollte:  Nadowitz,  der  Träger
des  Unionsgedankens,  hatte  das  Ministerium  des  Auswärtigen  übernommen.
  Man  hoffte  noch  auß  die  Vermittelung  Rußlands.  Ende
Oktober  fand  eine  Zusammenkunft  des  österreichischen  Kaisers,  welcher
Anfang  des  Monats  in  Bregenz  mit  den  Monarchen  von  Bayern
und  Württemberg  über  ein  kriegerisches  Bündnis  gegen  Preußen  verhandelt
  hatte,  mit  dem  Kaiser  von  Rußland  in  Warschau  statt.  Graf
Brandenburg,  der  Vermittelungsvorschläge  überbrachte,  erlitt  eine  hochmütige
  Behandlung  und  kehrte  in  Fieberphantasien  zurück.  Er  starb,
nach  Helm  und  Schwert  rufend,  am  6.  November,  ein  preußischer
Nitter  und  Ehrenmann.  Im  Ministerrat  unterlag  die  durch  den
Prinzen  von  Preußen  unterstützte  Ansicht  von  Radowitz;  letzterer  tritt

1  Bismarck  (Hahn  S.  32).  der  Reaktivierung  der  Bundesver-:
  Zachariä,  Rechtswidrigkeit!]  sammlung.  Göttingen  1850.