Metadata : Kronprinz Wilhelm. Meine Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf.

des  nervenzerrüttenden  Stellungskrieges  war  der  heiße  Wunsch  des  gesamten
Westheeres.  Das  jahrelang  ungenutzte  Rapital  einer  zielbewußten  Friedenserziehung
  zum  Angriff  und  einer  überragenden  JFührerausbildung  konnte
nur  in  Angriffsschlachten  wieder  zur  Geltung  kommen.  Oie  kritischen
Stimmen,  die  heute  angesichts  der  Tatsache,  daß  wir  den  Rrieg  verloren
haben,  schnell  mit  dem  Derdammungsurteil  für  den  deutschen  Angriffsentschluß
  bei  der  Zand  sind  und  die  da  meinen,  wir  hätten  uns  im  Westen
auf  die  Abwehr  beschränken  sollen,  schätzen  meines  Erachtens  die  Psyche
unserer  Armee  falsch  ein.  Die  Wahl  der  Defensive  wäre  geradezu  widernatürlich
  und  sicher  verderblich  gewesen.

Wer  seit  Feldzugsbeginn  den  hochwertigen  Gegnern  an  der  Westfront
  gegenübergestanden  hatte,  neigte  anderselts  nicht  zur  Unterschätzung
der  Angrlffeschwierigkeiten.  Die  auenahmelos  geschelterten  felndlichen
Offensiven  boten  keinen  Maßstab  für  unsere  Auesichten,  aber  doch  eine
Mahnung.  Oie  Verhältnisse  im  Osten  waren  nicht  zu  vergleichen.  Frankreich
  verfügte  über  ein  hochentwickeltes  Bahn=  und  Straßennetz,  Engländer
und  Franzosen  über  vollwertige  Truppen  mit  einer  starken  und  beweglichen
  Artillerie  und  einem  überlegenen  Kraftwagenpark  für  schnelle  und
umfangreiche  Truppenverschiebungen.  Auch  bei  gelungenem  Durchbruch
mußten  sich  neue,  schwere  Angriffsaufgaben  ergeben.

Konnte  ein  großer  taktischer  Erfolg  des  Angriffs  mit  Zuversicht  erwartet
  werden,  so  blieb  der  operative  Erfolg  ungewiß.  Inwiewett  sich
dieser  zu  einem  feldaugentscheidenden  aulsgestalten  ließ,  darüber  konnten
nur  Dermutungen  angestellt  werden.  Gelang  der  Angriff  nicht,  oder  blleb
er  nach  einem  Anfangeerfolg  stecken,  so  mußte  er  abgebrochen  werden.
Andernfalls  war  eine  Dauerschlacht,  die  dem  RKraftverbrauch  einer  Abwehrschlacht
  gleichkam,  unvermeidlich.  Um  Oerlusten  vorzubeugen,  konnte
dann  eher  noch  ein  zurückgehen  in  die  Aueêgangsstellung  in  Frage  kommen.
Die  Vorhand  blieb  gewahrt,  wenn  baldmöglichst  an  anderer  Stelle  zum
Angriff  übergegangen,  der  Offensiogedanke  selbst  also  festgehalten  wurde.

Die  O.  S.  L.  befahl  zunächst  die  Ausarbeitung  von  Hlänen  für
Angriffe  auf  der  ganzen  Westfront.  Mein  Thef  Graf  Schulenburg  war
in  der  ersten  Besprechung  mit  General  Ludendorff  im  ###ber  1917
in  Mons  dafür  eingetreten,  den  ersten  großen  OCffensioschlag  gegen  die
Franzosen  zu  führen,  und  hatte  vorgeschlagen,  in  und  östlich  der  Argonnen
anzugreifen  und  gleichzeitig  einen  starken  Dorstoß  aue  der  Gegend  von

293