Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang. 1911. (52)

Das  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  10.)  215

der  Regierung  ein  Zurückweichen  vorgeworfen  hat.  Daran  trägt  die  Regierung
  auch  die  Schuld.  Man  erwartete  im  allgemeinen  im  Volke  große
Taten,  als  das  Schiff  nach  Agadir  abgeschickt  wurde.  Der  Reichskanzler
kann  sich  nicht  darüber  beklagen,  daß  dann  eine  Ernüchterung  eintrat.  In
Presse  und  Versammlungen  sind  gegen  den  Träger  der  Krone  heftige  Angriffe
  erhoben  worden.  Das  ist  zu  bedauern.  In  einer  Berliner  Versammlung
  hieß  es,  wir  führen  noch  das  alte  Schwert  usw.  Der  Reichskanzler
  hat  sich  mit  Recht  abfällig  über  die  Tätigkeit  der  Presse  und  der
Versammlungen  der  Alldeutschen  geäußert.  Es  ist  aber  nicht  klargestellt,
ob  nicht  auch  das  Auswärtige  Amt  die  Verantwortung  dafür  trägt.  Die
Haltung  der  offiziösen  Presse  war  so  bedenklich,  daß  eine  Reform
des  offiziösen  Preßwesens  notwendig  ist.  Allerdings  werden  wohl  das
Reichsmarineamt  und  das  Kolonialamt  schwerlich  auf  ein  eigenes  Pressebureau
  verzichten.  Vielleicht  wird  Herr  Erzberger  die  Preßdezernenten  ernennen.
  Die  Haltung  der  Sozialdemokratie  ist  auch  nicht  einwandfrei
  gewesen.  Der  Vorwärts  schrieb  neulich,  die  großen  Demonstrationen  des
Proletariats  seien  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Erhaltung  des  Friedens  gewesen.
Ich  behaupte,  wenn  der  Friede  erhalten  ist,  so  ist  es  trotz  dieser  Demonstrationen.
gewesen.  Wenn  ein  sozialdemokratisches  Blatt  geschrieben  hat,  daß  die
Soldaten  nur  mit  knirschenden  Zähnen  in  einen  solchen  Krieg  ziehen  würden,
so  wird  das  wohl  auch  die  sozialdemokratische  Fraktion  nicht  billigen.  Das
Abkommen  über  Marokko  wollen  wir  uns  bemühen,  möglichst  objektiv
zu  prüfen.  Landerwerb,  so  wünschenswert  er  auch  an  sich  ist,  wollen  wir
nicht.  Wir  haben  uns  früher  damit  einverstanden  erklärt,  daß  Deutschland
nur  seine  wirtschaftlichen  Interessen  in  Marokko  verfolgt  und  Frantkreich
die  politischen,  das  gilt  aber  nur  von  früheren  Abkommen.  Wir  sind  immer
davon  ausgegangen,  daß  die  Unabhängigkeit  des  scherifischen  Reiches  aufrechterhalten
  bleiben  müsse.  Die  Regierung  hat  ihre  frühere  Steuerung
geändert  und  kann  sich  dafür  nicht  hinter  den  Fürsten  Bülow  verschanzen.
Das  Marokkoabkommen  hat  seine  Vorzüge  und  seine  Schwächen,  es  ist  kein
Zweifel,  daß  die  Sicherheit  von  Handel  und  Wandel  von  dem  guten  Willen
Frankreichs  abhängt.  Ich  hoffe,  daß  es  seine  Macht  nicht  zum  Schaden
anderer  Mächte  ausüben  wird.  Auf  die  Zusammensetzung  des  Schiedsgerichts
  hat  Frankreich  allerdings  einen  maßgebenden  Einfluß.  Erfreulich
ist  es,  den  Ausfuhrzoll  auf  Erze  zum  Fallen  zu  bringen.  Es  ist  aber
zweifelhaft.  ob  dies  von  großer  Bedeutung  ist.  Uebrigens  besteht  zwischen
dem  französischen  und  dem  deutschen  Text  eine  Differenz:  in  dem  französischen
  Text  heißt  es,  e  xploitations  de  mineral  de  fer,  also  Eisenbergwerke,
wahrend  es  im  deutschen  heißt:  Erzbergwerke.  Die  Vergwerke  sollen  einer
Flächensteuer  unterliegen,  aber  es  findet  sich  nirgends  eine  Mitteilung,  wie
hoch  diese  Steuer  sein  soll.  Dieses  Abkommen  ist  ein  interessanter  Versuch,
das  Prinzip  der  offenen  Tür  in  Paragraphen  festzulegen.  Der  Reichskanzler
  sagt,  die  offene  Tür  habe  bisher  nur  auf  dem  Papier  gestanden.
VWer  bürgt  uns  aber  dafür,  daß  sie  jetzt  nicht  auch  auf  dem  Papier
stehen  bleibt?  Das  hängt  lediglich  von  der  Vertragstreue  der  Kontrahenten
  ab,  und  es  ist  wenigstens  ein  Vorteil,  daß  auch  die  anderen
Nationen  an  der  Kontrolle  mitbeteiligt  sind.  Die  Bedenken  gegen  das
Kongoabkommen  sind  durch  die  Ausführungen  des  Reichskanzlers  in
keiner  Weise  zerstreut  worden,  im  Gegenteil,  was  der  Reichskanzler  als
Schattenseiten  anführte,  bestätigt,  unsere  Bedenken,  während  wir  die  Lichtseiten,
  die  er  angab,  jedenfalls  in  diesem  Umfange  nicht  zu  erkennen  vermögen.
  Das  Kolonialamt  hat  über  Nacht  eine  Denkschrift  über  die
Neuerwerbungen  zusammengestellt,  unterzeichnet  von  dem  Gouverneur  Solf.
Mir  ist  noch  keine  Kundgebung  der  Regierung  zu  Gesicht  gekommen,  die