Volltext : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Verhandlungen  mit  den  süddeutschen  Staaten  339

ruhig;  wie  er  seiner  Frau  geschrieben  von  dem  Mute  und
der  Tapferkeit  der  Bundesgenossen,  wie  er  nach  dem  Feldzuge
  im  Reichstage  die  hohe  Entschlossenheit  pries,  die
Süddeutschland  in  gefahrvoller  Lage  bewiesen,  so  hielt  er
bei  allen  Verhandlungen  den  Grundsatz  entschlossen  fest
„Treue  um  Treue"“.  Geradezu  als  eine  unehrliche  Politik  bezeichnete
  er  es,  die  Bundesgenossen,  die  freiwillig  herbeigeeilt,
wider  ihren  Willen  zu  Konzesstonen  zu  zwingen.  Der  Kronprinz
  wollte  das  Gold  der  preußischen  Krone  umschmelzen  in
die  deutsche  Kaiserkrone,  Bismarck  aber  das  Gold  der  preußischen
  Krone  erhalten  wissen;  er  hätte  seinen  König  auch
niemals  zu  der  allergeringsten  Schwächung  preußischer  Eigenart
  gebracht;  ihm  lag  es  vor  allem  daran,  die  Präsidialmacht
und  Feldherrnrechte  so  weit  zu  stärken,  daß  der  Kaisertitel  ein
würdiger  Ausdruck  dieser  erweiterten  Macht  war.  Das  alte,
echte  Gold  der  Preußenkrone  verlieh  der  neuen  Krone  genug
des  Glanzes.  Den  König  auch  nur  zur  Annahme  jenes  Titels
zu  bewegen,  ist  Bismarck  in  den  spätern  Verhandlungen  schwer
genug  geworden.

Zunächst  lag  ihm  daran,  daß  der  Stoß  des  nationalen
Willens  sich  nur  gegen  den  Feind  richtete,  der  die  Unabhängigkeit
  Deutschlands  bedrohte,  und  gegen  das  Ausland,  das  sich
in  die  Selbständigkeit  Deutschlands  so  oder  so  einzumischen
berufen  fühlte,  gegen  die  Bundesgenossen  aber,  die  der  preußischen
  Führung  so  willig  gefolgt  waren,  wollte  er  nichts
Gewaltsames  ausführen.

In  diesem  Geiste  ließ  er  zunächst  durch  Delbrück  die  Verhandlungen
  führen,  dann  nahm  er  sie  vom  22.  Oktober  an  mit
den  vier  süddeutschen  Staaten  selber  in  die  Hand,  und  zwar  mit
jedem  besonders.  Mit  Baden  kam  man  bald  zum  Ergebnis.
Es  hatte  ja  gleich  nach  dem  1866er  Kriege  den  Wunsch  ausgesprochen
  in  den  Norddeutschen  Bund  einzutreten.  Ebenso
schnell  gelang  es  mit  Hessen-Darmstadt  einig  zu  werden.  Denn
hier  beflügelte  das  schlechte  Gewissen  die  Schritte  zur  Einigung.
Der  Minister  Dalwigk  und  sein  Herr  hatten  vor  dem  Kriege

zu  stark  mit  Napoleon  geliebäugelt.  ÜUberaus  schwierig  waren
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