Schäfer: Deutschtum im Auslande
Kronstadt, im Nordosten um Bistritz im Nösnerlande
insgesamt 256854 -Sachsen, 9,8 v. H. der Bevölke-
rung des Landes in der Zips bilden die Deutschen auch
ein Viertel der Bevölkerung, auch in der Preßburger
Gespanschaft noch mehr als ein Fünftel, in der Stadt
Preßburg mehr als die Hälfte. Die Reichshauptstadt
zählt unter 880 371 Bewohnern 125706 Deutsche,
11,3 v. H. Der Stand hat sich gegenüber der Zählung
von 1900 sogar um 0,2 v. H. verbessert. Die Deut-
schen vermehrten sich in den 10 Jahren um 121 v. H.;
eine günstigere Ziffer (16,7) hatten nur die Rumänen;
der Landesdurchschnitt war 9 v. H.
Trotzdem kann man die Lage des Deutschtums in
Ungarn nicht als günstig bezeichnen. Es bildet auch
hier in Stladt und Land ein vorgeschrittenes, allen
anderen Bevölkerungsteilen kulturell überlegenes Ele-
ment, ist aber auf Schritt und Tritt behindert, sich
geistig auszuleben, insbesondere in Schule, Presse
und Bühne. Allein die Siebenbürger Sachsen haben
noch ein deutsches Schulwesen, das sie aus ihren Mit-
teln erhalten dürfen bei gleichzeitiger voller Beitrags-
bflicht zu den Landesschullasten, und das unter streng-
ster magyarischer Aufsicht steht, den Anforderungen
an magyarische Sprachbildung in vollem Umfange
genügen muß. Das Nationalitätengesetz von 1868, das
im Anschluß an den Ausgleich jeder der zahlreichen
Nationalitäten Ungarns nationale Erziehung zu-
sicherte, ist so gut wie vollständig auf dem Papier ge-
blieben. Dazu wird den Nationalitäten, und beson-
ders den Deutschen, der Weg in die Landesvertretung
mit allen erdenklichen Mitteln erschwert; von Deut-
schen find nur Siebenbürger Sachsen Mitglieder, weil
sie sich zur Regierungspartei halten. Man schreckte vor
Prozessen, Verurteilungen, Gefängnisstrafen nicht
zurück, Außerungen zu unterdrücken, die als selbstver-
ständliches Recht des Staatsbürgers gelten sollten.
Dem Auslande und wieder insbesondere den Reichs-
deutschen weiß der Magyar mit verblüssender Un-
verfrorenheit weiß zu machen, daß alles in bester
Ordnung sei und jeder zu seinem Rechte komme. Da
insbesondere im Deutschen Reiche grobe Unkenntnis
über diese Verhältnisse weit verbreitet ist, haben diese
Bemühungen nur zu oft Erfolg. Ob der Krieg und
die enge Verbindung zwischen den beiden aufeinander
angewiesenen Völkern, die er geschaffen hat, zu einer
Anderung führen wird, läßt sich nicht übersehen.
Jedenfalls sollten die Magyaren zu der Einsicht kom-
men und sie zur Richtschnur ihres Verhaltens machen,
daß noch kein ungarländischer Deutscher jemals daran
gedacht hat oder denken wird, dem ungarischen Staats-
wesen Schwierigkeiten zu machen.
Seitdem Bosnien unter österreichisch-ungarischer
Verwaltung steht, haben sich auch dort durch Ein-
wanderung deutsche Bauerngemeinden gebildet, die
mehrere tausend Angehörige zählen, ähnlich in Ru-
mänien in der Dobrudscha. In den Städten dieses
Königreichs gibt es nicht wenige deutsche Handels-
beflissene und Gewerbtreibende, besonders in Bukarest
und Constanza
Rußland. Im weiten russischen Reiche wohnen
Deutsche so ziemlich an allen Eckm und Enden. Die
baltischen Lande, die- deutschen Ostseeprovinzen-,sind
zur Ordenszeit Teile des Deutschen Reiches gewesen.
Den Stempel, den ihnen damals Ritter und Bürger
aufdrückten, haben sie bewahrt bis auf den heutigen
Tag. Die Städte haben noch heute ein deutsches Ge-
präge, und auf dem Lande sind der deutsche Guts-
besitzer und der evangelische Pfarrer deutscher Bildung
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die maßgebenden Persönlichkeiten. Was das Land
an überlieferungen früherer Kultur birgt, ist deutsch,
und die geistige Verbindung zwischen der Kolonie und
dem Mutterlande ist stets eine innige gewesen und bis
auf den heutigen Tag geblieben. Die Beherrschu
des Landes durch Schweden, Polen, Dänen, die nach
dem Untergange des Ordens um die Mitte des 16.
Jahrhunderts Pus griff, hat daran nichts geändert,
und auch das russische Regiment, in Livland und Est-
land seit Peter dem Großen (1710 bzw. 1721), in Kur-
landerstselt Katharina II. (1795), ha sich lange stören-
den Eingreifens in die Landesverhältnisse enthalten.
Erst genen Ende des vorigen Jahrhunderts ist darin
eine Anderung eingetreten. An die Stelle der frühe-
ren Selbstverwaltung ist in allen leitenden Stellen
der russische Beamte gesetzt, die russische Sprache ist
aufgezwungen, der Unterricht russifiziert worden von
der Volksschule bis hinauf zur Landesuniversität
Dorpat. Nur zeitweise hat man im Mittelschulwesen
wieder Erleichterungen gewährt. Doch hat das alles
das Deutschtum der Lande nicht entwurzeln können;
seine Geistesbildung ist die alte geblieben.
Die Zahl der Deutschen im Baltenlande ist verhält-
nismäßig gering. Nach der Nationolllälenzählung von
1897, die, wie erwähnt, die einzige ist, die Rußland vor-
genommen hat, gab es in Kurland ihrer 51.000 unter
674000 Bewohnern (7,6 v. H.), in Lipland 98u000 unter
1299 400 (ebenfalls 7,6 v. H.), in Estland aber nur
16 000 unter 412700 (3,9 v. H.). Von den insgesamt
165600 Deutschen wohnten nicht weniger als 132200
in den Städten. In den Jahren 1897—1912 hat sich
die Vevöllerung der drei Provinzen von 2366 100 auf
2718 200 gehoben, also um nahchu 15 v. H.; danach
kann man annehmen, daß sie jetzt ungefähr 190000
Deutsche zu ihren Bewohnern zählen. Die Kriegs-
ereignisse haben Kurland in unsere Hand gebracht;
elingtes nicht, auch Livland und Estland zu gewinnen,
ß ist ihr Deutschtum sicher für alle Zeiten vernichtet,
der Baum unserer Kultur um einen lebenskräftigen,
früchtereichen Zweig ärmer geworden. Das gleiche gilt
von Kurland, wenn es, was Gott verhüte, den Russen
wieder ausgeliefert werden sollte.
Und nicht anders steht es mit dem Deutschtum, so
weit es sich sonst über Rußland ausgebreitet hat.
Am Ausgange des Mittelalters (die Eroberung
Konstantinopels durch die Türken hat hier Bedeutung
gewonnen) haben russische Herrscher angefangen,
Abendländer in ihr Reich zu berufen. Peter der Große
at den Überlieferten Brauch nach allen Richtungen
6t ausgedehnt, Gewerbe und Handel alle städtis Een
etriebe auf diese Weise zu heben und zu beleben ver-
sucht. Das ist so geblieben bis in unsere Zeit; was die
Herrscher begonnen hatten, haben Besitzende aller Art
fortgesetzt; mancher Westeuropäer ist auch um des
Fortkommens willen aus eigenem Antriebe in das
Zarenreich gezogen. Noch unter Nikolaus I. waren
dort einzelne Berufe, der größeren Zuverlässigkeit
wegen, den Deutschen vorbehatten.
atharina II., selbst Deutsche, hat zuerst neben den
bürgerlichen Einwanderern, die dem russischen Städte-
wesen vorwärts halfen, bäuerlicheherbeigerufen, schon
bald nach Beginn ihrer Regierung (1762). Die ersten
wurden an der mittleren Wolga in den südlichen Teilen
der Gouvernements Saratow und Samara angesie-
delt. Als den Türken die Tatarenlande am Schwar-
zen Meer abgenommen waren, wurden auch dorthin
deutsche Kolonisten gerufen, in das Küstengebiet am
Nordwestufer des Asowschen Meeres, in die Krim und