Full text : Bismarck und das päpstliche Rom.

nur  straffer  angezogen.  Um  so  grimmiger  die  Wut  der  Römlinge
und  giftiger  die  priesterliche  Hetze  gegen  ihn.

Es  war  am  13.  Juli  1874.  Bismarck  befand  sich  zur  Kur  in
Kissingen.  Kurz  nach  ı  Uhr  mittags  fuhr  er,  wie  täglich,  in
offenem  Gefährt  zur  Saline.  Im  Augenblick,  als  der  Wagen  um
die  erste  Straßenecke  bog,  stürzte  ein  wüster  Geselle  heran  und
gab  aus  nächster  Nähe  einen  Schuß  auf  den  Fürsten  ab.  Indem
Bismarck  sich  eben  zum  Gruße  vorbeugte  und  die  Hand  an  die
Militärmütze  gehoben  hatte,  streifte  der  Schuß  ihn  am  rechten
Handgelenk.  Der  Kutscher,  welcher  vom  Bock  aus  den  Mordgesellen
  davonstürzen  sah,  fuhr  ihm  mit  der  Peitsche  übers  Gesicht,
  ein  Badegast  (Hofschauspieler  Lederer  aus  Darmstadt)
packte  ihn  bei  der  Kehle,  worauf,  trotz  verzweifelter  Gegenwehr,
seine  Festnahme  gelang.  Bismarck,  der  ausgestiegen  war,  trat
unter  die  wilderregte  Menge  und  verhinderte,  daß  diese  den
Attentäter  Iynchte:  man  solle  den  Menschen  dem  Gesetze  überlassen!
  Gegen  drei  Uhr  begab  sich  Bismarck,  den  verwundeten
Arm  in  der  Binde,  auf  die  Polizei,  um  den,  der  ihm  nach  dem
Leben  getrachtet,  persönlich  zu  konfrontieren  und  zur  Rede
zu  stellen.  Dieser,  ein  20  jähriger  Böttchergeselle  namens  Kullmann,
  machte  weder  aus  seiner  Person,  noch  aus  seiner  Absicht
  ein  Hehl.  Er  hege  gegen  Bismarck  keinen  persönlichenGroll.
  Er  hasse  ihn  nur  auspolitischen  Gründen,
wegen  der  Kirchengesetze,  und  habe  ihn  erschießen  wollen,  weil
erseineFraktion  beleidigt  habe.  Auf  die  Frage,  welches  seine
Fraktion  sei,  antwortete  er:  „Das  Zentrum!‘  Im  übrigen
versicherte  er,  die  Tat  aus  eigenstern  Antriebe  begangen  zu  haben,
ohne  Komplizen.

Daß  er  aus  religiösem  Fanatismus,  im  Sinne  der  Kaplanoder
  Jesuiten-Presse,  wie  sie  damals  treffend  hieß,  gehandelt
hatte,  wurde  drastisch  genug  durch  den  Umstand  beurkundet,
daß  er  ein  Loblied  auf  Pius  IX.  bei  sich  trug,  das  er,  unterm
17.  Mai  1874,  aus  den  ‚‚Eichsfelder  Volksblättern‘“  ausgeschnitten
hatte,  darunter  die  Kriegslosung:  „Los  von  Rom!  schreien
unsere  Feinde,  nur  mit  Rom!  rufen  wir.“

Am  Abend  des  13.  Juli  brachten  die  Kissinger  dem  so  nahe
dem  Tode  Entronnenen  in  vaterländischer  Begeisterung  und
Entrüstung  einen  Fackelzug  dar.  Bismarck  dankte  für  die  warme
Teilnahme  vom  Altan  seines  Absteigequartiers  aus  mit  einer
kurzen  Ansprache:

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