538 Sachsen von 1833—1848.
erzgebirges zu Annaberg erbauten Kirche, die ohne Vorwissen
der Regierung zu Brauna bei Camenz erfolgte Errichtung
einer Filiale der pariser Erzbrüderschaft „vom unbefleckten
Herzen Mariä zur Bekehrung der Sünder“ und ährliche
Symptome schienen auf ein Einschleichen des Ordens zu deuten.
Was Wunder daher nach dem Allem, daß der Deutschkatholicis=
mus nicht bloß unter den durch die lange Berührung mir den
Protestanten ohnehin aufgeklärteren sächsischen Katholiken zahl-
reichen Anhang sondern auch bei der protestantischen Bevölke-
rung die wärmste Theilnahme fand. In Leipzig, Dresden und
anderen Orten bildeten sich deutschkatholische Gemeinden, die
Ortsbehäörden stellten ihnen ihre öffentlichen Gebäude, hie und da
selbst ihre Kirchen für ihren Gottesdienst zur Verfügung; wo#
sich die Apostel der neuen Lehre zeigten, waren sie die gefeierten
Helden des Tages. Es war ein Rückschlag des durch die ultra-
montanen Umtriebe empörten gesunden Menschenverstandes, des
verletzten nationalen und sittlichen Gefühls und der verhöhnten
Volksbildung. Aber daß diese scheinbar kirchliche Bewegung
zu einem guten Theile zugleich eine durch die herrschende Re-
action künstlich auf das kirchliche Gebiet hinübergedrängte poli-
tische, eine neue Phase des verwandten politischen Liberalismus
sei, wurden inmitten des allgemeinen Jubels die Wenigsten ge-
wahr, während einzelne schärfer Blickende, wie in Leipzig
R. Blum, sich an die Spitze der deutschkatholischen Bewegung
stellten, nicht aus religiösem Bedürfniß sondern, weil sie eben
in ihr ein höchst wirksames Hilfsmittel der politischen Agitation
erkannten. Die Regierung, so ungelegen ihr diese Bewegung
kam, that doch das Beste, was sie ihr gegenüber thun konnte:
sie ließ ihr innerhalb der gesetzlichen Schranken freien Spiel-
raum. Da die Anfang 1845 von mehreren deutschkatholischen
Gemeinden mit der Bitte um Anerkennung ihrer Religions-
gemeinschaft eingereichten Glaubensartikel mehrfach unter ein-
ander abwichen, so beschloß das Cultusministerium vorher den
bereits angekündigten Versuch eines Gemeinbekenntnisses ab-
zuwarten und erforderte darauf über das vom leipziger Concil
aufgestellte das Gutachten des Landesconsistoriums und der