Full text : Handbuch für Landgemeinde-Verwaltungen.

251  Der  zweite  internationale  Gefängniß-Kongreß.  25

richtung  über  das  eine  und  andere  Thema  einmal  begonnen  war,  bildeten
die  Fortsetzung  sehr  bald  jene  traulichen  Besprechungen,  welche  allabendlich
  in  den  zur  Disposition  gestellten  Klub-Lokalitäten  des  Hotel  „Rydberg“
gepflogen  wurden.  —

Eine  hohe  Auszeichnung  wurde  dem  Kongresse  durch  die  Huld  Sr.  Majestät
  des  Königs  zu  Theil.

Am  24.  August  —  es  wurde  in  der  Plenarsitzung  eben  die  Frage
der  Bedingten  Freilassung  der  Sträflinge  verhandelt  —  erschien  unangemeldet
  und  unerwartet  Se.  Majestät  in  Begleitung  des  Ministers  Björnestjerna
  und  eines  Adjutanten.  Stürmische  Hochruse  empfingen  den
Monarchen,  der,  in  freundlichen  Worten  für  die  Sympathie  dankend,  die
Versammlung  aufforderte,  die  Berathungen  fortzusetzen.

Se.  Majestät  setzte  sich  zu  Rechten  des  Präfidenten  und  verfolgte  die
einzelnen  Reden  mit  ungetheilter  Aufmerksamkeit,  bis  schließlich  die  die
genannte  Institution  anempfehlende  Resolution  festgestellt  ward  und  die
Verhandlung  geschlossen  wurde.

Einen  weiteren  Beweis  der  königlichen  Gewogenheit  ertheilte  Se.  Maj.
dem  Kongresse  dadurch,  daß  er  alle  Mitglieder  des  Kongresses  am  Abende
dieses  Tages  in  seinem  herrlichen  Lustschlosse  zu  Drottningholm  an  dem
malerischen  Gestade  des  Mälar-Sees  bei  sich  zu  empfangen  die  Gnade  hatte.

Durch  volle  zwei  Stunden  wurde  Cercle  gehalten  und  die  größte  Zahl
der  Anwesenden  wurde  der  Ehre  theilhaftig,  von  Sr.  Majestät  angesprochen
zu  werden.  Allgemeines  Staunen  erregte  die  Sprachkenntniß  des  Königs,
der  sich  der  meisten  europäischen  Sprachen  mit  gleicher  Gewandtheit  bediente.

Nach  Beendigung  des  gebotenen  lukullischen  Mahles  schieden  wir  des
Nachts  um  11  Uhr  von  dem  unvergeßlichen  Drottningholm,  wo  wir  in  dem
Hausherrn  von  nun  an  nicht  nur  die  erste  Person  des  Landes,  sondern
auch  die  unübertroffene  und  personificirte  Leutseligkeit  kennen  gelernt  hatten.

Die  dominirende  Sprache  des  Kongresses  war  die  franzöfische;  der
Gebrauch  einer  anderen  Sprache  war  wohl  freigestellt,  aber  mit  Ausnahme
einiger  englischen  Reden  bediente  man  sich  allgemein  der  franzöfischen
Sprache.  Die  Formen  der  Rhetorik  wurden  hierbei  freilich  wohl  unzählige
Male  arg  außer  Augen  gelassen,  da.  aber  daran  Niemand  Anstoß  nahm,
schöpfte  bald  Jedermann  frischen  Muth  und  ließ  sich  durch  Schwierigkeiten
der  Wortsetzung  im  Vortrage  seiner  Daten  und  Geltendmachung  seiner  Ansichten
  nicht  hindern.

Der  Schwerpunkt  der  Verhandlungen  koncentrirte  sich  in  den  Debatten
der  Sektionen.  Die  Besprechung  jeder  Frage  nahm  stets  einen  ganzen  Nachmittag
  in  Anspruch.

Nach  gehöriger  Beleuchtung  des  Gegenstandes,  wobei  die  entgegengesetzten
  Meinungen  meistens  doch  zu  einer  gemeinsamen  Resolution  geeinigt
wurden,  schritt  die  Sektion  zur  Wahl  des  Generalredners.  Dieser  hatte
die  Aufgabe,  in  der  nächsten  Plenarsitzung  des  Kongresses  die  Argumente
der  Referenten  und  den  kurzen  Inhalt  der  Debatten  zu  rekapituliren  und
endlich  die  vorgeschlagene  Resolution  zu  begründen.

Die  Vorschläge  der  Sektionen  wurden  in  den  Plenarsitzungen  theils
ohne  Debatte,  theils  nach  einigen  Gegenreden  zur  Abstimmung  gebracht.