Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achter Jahrgang. 1892. (33)

176  Das  Neutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  23.)

aber  ist  er  in  der  Landwehr  und  32  Jahre  alt,  wenn  die  Mobilmachung
eintritt  und  ihn  von  Hause  ruft.  Es  müßte  ein  sehr  schlechter  Truppenteil
sein,  bei  welchem  der  Mobilmachungsbefehl  nicht  unter  allen  Umständen
einen  gewissen  Grad  von  Freude,  von  fortreißender  Freude  hervorruft.
Das  ist  auch  natürlich.  Der  Mann  wird  das  Kasernenleben  endlich  los,
kommt  heraus,  stellt  sich  die  Sache  vielleicht  auch  noch  poetischer  vor,  als
sie  ist,  und  gerne  tritt  jede  Truppe  an  mit  Gewehr,  wenn  die  Mobilmachungsordre
  kommt.  Nun  zieht  der  Mann  fort,  jung  ist  er,  „des  Lebens
Aengsten,  er  wirft  sie  weg,  hat  nichts  zu  fürchten,  zu  sorgen“;  so  zieht  er
in  den  Krieg.

Wenn  der  Mobilmachungsbefehl  diesen  selben  Mann  aber  erst  mit
32  Jahren  trifft  —  so  hat  er  geheiratet,  hat  Kinder,  hat  ein  Geschäft  gegründet.
  Jetzt  bekommt  er  den  Befehl:  innerhalb  24  Stunden  stellst  du
dich  ein.  Er  kommt,  er  ist  patriotisch,  er  hat  vielleicht  von  Vaterlandsliebe
mehr,  als  er  in  seiner  Jugend  hatte,  er  ist  an  Pflichtgefühl,  an  Opferfreudigkeit
  vielleicht  gewachsen.  Was  wird  ihm  zugemutet?  Jetzt  wird  er
zum  Truppenteil  abgegeben,  er  wird  auf  die  Kammer  geführt,  es  werden
ihm  die  Sachen  angepaßt,  die  Stiefel  drücken  ihn,  der  Tornister  ist  ihm
nicht  bequem,  der  Kragen  ist  ihm  ungewohnt;  er  ist  zu  Hause  an  Weißbrot
gewöhnt,  jetzt  bekommt  er  Kommißbrot,  seine  Gesundheit  fängt  an  zu  leiden;
aber  der  Mann  ist  patriotisch,  er  hält  das  alles  aus.  Jetzt  wird  er  auf
die  Eisenbahn  gesetzt  und  ins  Feld  gefahren.  Da  lädt  man  ihn  aus.  Es
kommen  die  mühseligen  Märsche,  Tagesmärsche,  Nachtmärsche;  je  näher  dem
Feinde,  um  so  mehr  drängt  sich  alles  zusammen,  die  Verpflegung  wird
schlechter,  zuletzt  ist  er  auf  die  knappe  eiserne  Portion  angewiesen.  Nun
kommt  der  Schlachttag.  Inzwischen  hat  er  Briefe,  Karten  von  Hause  bekommen.
  Die  Frau  klagt,  und  ulit  dem  Bleigewicht  der  Sorge  schleppt  er
sich  durch;  trotzdem  hält  der  Mann  aus.  Am  Tage  der  Schlacht  soll  nun
die  Landwehr  unmittelbar  neben  Infanterie  der  Linie  gebraucht  werden.
Früh  verlassen  die  Truppen  die  Hauptstraßen  des  weiten  Feuers  des  Feindes
wegen  um  die  Gefahr  zu  ermäßigen,  es  geht  über  Sturzacker,  er  gibt  sein
letztes  her  für  Deutschland.  Nun  fängt  das  Feuer  an;  auch  er  kommt  ins
Feuer;  er  denkt:  gut,  daß  er  endlich  zum  Schuß  kommt,  er  kann  endlich
aktiv  werden.  Jetzt  wird  sprungweise  vorgegangen;  da  soll  er  mit  dem
Tornister  auf  dem  Rücken  abwechselnd  laufen,  sich  hinwerfen  und  schießen,
und  wenn  das  bis  zum  Abend  gegangen  ist,  dann  soll  die  Truppe  noch  etwa
400  m  mit  Hurrah  avancieren  und  den  Feind  aus  seiner  Stellung  drängen.
Derselbe  Mensch,  der  das  mit  22  Jahren  leistet,  kann  es  und  wird  es  auch
mit  32  Jahren  leisten,  aber  der  Aufwand  an  Kraft  und  Opferwilligkeit  ist
sehr  erheblich  größer  bei  den  32jährigen  als  bei  den  22jährigen.  Ich  achte
die  Opfer,  die  unser  Beurlaubtenstand,  Offiziere  wie  Mannschaften,  im  Kriege
bringen,  sehr  hoch,  —  es  ist  viel  mehr,  was  diese  Männer  leisten,  als  was
wir  Berufssoldaten  leisten,  und  die  Kriegsdenkmünze  auf  der  Brust  eines  alten
beurlaubten  Soldaten  ist  in  meinen  Augen  eines  der  höchsten  Ehrenzeichen,
die  ein  Mensch  tragen  kann.  Vor  allem  müssen  wir  aber  nach  der  Wahrheit
  suchen,  und  man  wird  das  auch  unseren  Offizieren  nicht  verdenken  können,
wenn  sie  nach  dem,  was  die  Wahrheit  in  diesen  Dingen  ist,  sorschen.  Ich
darf  daran  erinnern,  daß  die  Franzosen  sich  dadurch  einen  großen  Schaden
gethan  haben,  daß  sie  auf  die  Berichte  des  Obersten  Stoffel  nach  dem  Jahre
1866  keinen  Wert  legten,  die  Berichte,  die  ihnen  die  Wahrheit  sagten.  Und
wenn  ich  also  auch  wünsche,  daß  nun  und  nimmermehr  ein  deutscher  Landwehrmann
  in  seinem  Ansehen,  in  seinem  Selbstgefühl  geschädigt  werden
möge,  so  kann  ich  immer  nicht  finden,  daß  in  dem,  was  geschehen  ist,  ein
Grund  liegen  könne  zu  der  Entrüstung,  die  nun  durch  die  Zeitungen  ge-