Full text : Archiv für öffentliches Recht.Fünfter Band. (5)

—  452  --der

  Verfasser  namentlich  die  Vermögens-  und  Freiheitsstrafen  an,
letztere  als  Talion  im  höheren  Sinne  für  den  Missbrauch  der  dem  einzelnen
Gliede  der  Staatsgenossenschaft  belassenen  persönlichen  Freiheit.  In  humaner
Auffassung  verwirft  der  Verfasser  jede  Verschärfung  der  Freiheitsstrafe
(Ketten,  Hungerkost,  Prügel,  Infamie)  und  will  nur  zwei  Arten  derselben,
mit  und  ohne  Arbeitszwang.  Ihr  Mindestmass  sei  so  zu  bemessen,  dass  sie
sich  als  ernsten  Zwang  darstelle,  dagegen  müsse  die  lebenslängliche  Freiheitsstrafe
  ebenso  den  ewig  rückfälligen  Gewohnheitsverbrecher  wie  den
gewaltthätigen  Mörder  treffen.  Als  leichteste  Art  der  Freiheitsstrafe  werden
Hausarrest  und  Friedensbürgschaft  empfohlen.  —  Nach  diesen  Ausführungen
handelt  der  Verfasser  über  „Strafvollzug  und  Strafvollzugssysteme“.
  Unter  Schilderung  der  Gefährdung  des  Besserungszweckes
wirft  er  der  gemeinsamen  Haft  vor,  dass  sie  Verbrecher  auf  Staatskosten
ausbilde  und  vertritt  daher  principiell  die  Einzelhaft  als  dem  sittlichen
Grunde  und  dem  staatlichen  Zwecke  der  Strafe  am  vollkommensten  entsprechend.
  Während  er  das  sogenannte  Stufensystem,  nach  welchem
Strafgrade  bis  zur  vorläufigen  Entlassung  eintreten,  an  sich  billigt,
leugnet  er  bei  der  jetzigen  Handhabung  seine  Erfolge;  er  empfiehlt  insbesondere
  die  vorläufige  Entlassung  aus  der  Strafhaft  in  dem  Sinne,  dass
der  Staat  für  gesicherte  Arbeit  und  Unterkommen  in  geordneten  Verhältnissen
  zu  sorgen  habe.  —  Ohne  zu  leugnen,  dass  der  Besitz  der  Colonien
ein  Mittel  werden  könne,  dem  Anwachsen  des  Verbrecherthums  zu  wehren,
verwirft  der  Verfasser  die  Deportation  und  die  Einrichtung  von
Strafcolonien  vom  Standpunkte  des  Strafvollzuges,  der  Kosten,  der  Politik
und  der  civilisatorischen  Aufgabe  der  Colonien.  Besondere  Berücksichtigungen
im  Strafvollzug  werden  für  die  „Strafunmündigen“,  zu  welchen  der
Verfasser  sowohl  die  geistesgestörten  wie  die  jugendlichen  Verbrecher
rechnet,  verlangt;  der  Richter  müsse  anordnen  können,  dass  der  freigesprochene
  Geistesgestörte  in  eine  Verwahranstalt  komme;  jugendliche  Personen
  seien  bis  zum  14.  Jahre,  —  Ende  der  Schulpflicht,  —  ganz  straffrei,
bis  21  Jahre,  —  Grossjährigkeit,  —  nur  gemindert  zu  strafen.  —  Den  Schluss
dieses  Theils  bildet  ein  Kapitel  über  die  Verhütung  der  Verbrechen.

Die  drei  folgenden  Theile,  —  über  „Gefängnissbau“  (p.  289—311),
„allgemeine  Gefängniskverwaltung“  (p.  313—324),  „Einzelverwaltung“
  (p.  329—602)  müssen  für  jeden  mit  dem  Gefängnisswesen  befassten
  Beamten  hohes  sachliches  und  amtliches  Interesse  haben;  auf  eine
eingehendere  Besprechung  können  wir  jedoch  unter  Berücksichtigung  der
dieser  Zeitschrift  gestellten  Zwecke  nicht  eingehen.

Zum  Schlusse  sei  nochmals  anerkannt,  dass  der  Verfasser  jeden  Fortschritt
  auf  dem  Gebiete  des  Getängnisswesens  und  der  Strafvollstreckung
überhaupt  in  seiner  ethischen  Nothwendigkeit  darlegt  und  ihn  als  das
Ergebniss  eines  intellectuell  und  sittlich  bereicherten  Volksbewusstseins
darstellt.  Dr.  Rudolf  Bewer.