Metadata : Grundzüge des Deutschen Staatsrechts.

§. 2.  Das  Staatsrecht.                          3

Die  Willensmacht  des  Staats  ist  die  Macht  zu  herrschen; ³
  sie  heisst  Staatsgewalt.

Das  Staatsrecht.
§.  2.

Das  Staatsrecht  als  wissenschaftliche  Lehre  hat  zum
Gegenstande  die  Entwickelung  des  dem  Staate  als
solchem  zustehenden  Rechts.  Die  Willensmacht
des  Staats,  die  Staatsgewalt,  ist  das  Recht  des  Staats.
Das  Staatsrecht  ist  also  die  Lehre  von  der  Staatsgewalt,
und  beantwortet  die  Fragen:  was  kann  der  Staat  als
solcher  wollen?  (Inhalt  und  Umfang  der  Staatsgewalt),
durch  welche  Organe  und  in  welchen  Formen  kann  und

in  der  Ausführung  des  Einzelnen  hervortreten.  —  In  dieser  meiner
Auffassung  bekenne  ich  mich  zu  einer  theilweisen  Aenderung  der
von  mir  früher  in  meiner  Schrift  über  öffentliche  Rechte  1852  ausgeführten
  Ansicht.

³  Das  Wort  und  den  Begriff  „Herrschen‘  nehme  ich  als
einen  specifisch  dem  Staatsrechte  angehörenden  in  Anspruch.  Er
bezeichnet  den  eigenthümlichen  Willensinhalt  der  Staatspersönlichkeit.
  Nur  noch  für  die  Kirche  kann  eine  ähnliche  Auffassung
berechtigt  erscheinen.

¹  Dass  ein  Staat  sei,  dass  in  ihm  das  Volk  diese  bestimmte
Entwickelung  gefunden  habe,  dass  sein  gesellschaftliches  und  wirthschaftliches
  Leben  sich  in  ihm  nach  dieser  bestimmten  Richtung
entfalte,  dass  die  Staatsgewalt  diese  besonderen  Erfolge  zur  Förderungdersittlichen,
  geistigen  und  ökonomischen  Cultur  erstrebe,  —
sind  Erscheinungen  ,  deren  Bedeutung  weit  über  die  Umfassungslinien
  des  Rechtsgebiets  hinausgeht.  Das  Recht  begnügt  sich  damit,
einen  Theil  dieses  grossen  Culturstoffs  seiner  Bestimmung  zu  unterwerfen,
  der  freilich  intensiv  höchst  bedeutend  ist,  da  er  die  äusseren
Lebensbedingungen  des  Staats  enthält.  Es  ist  das  gleiche  Verhältniss,
  das  auch  sonst  zwischen  dem  Rechte  und  den  organischen
Verbindungen  des  sittlicben  Lebens,  wie  z.  B.  der  Familie,  Ehe,
besteht,  und  wie  überhaupt,  so  ist  es  auch  hier  von  der  grössten
Wichtigkeit,  sich  der  Schranken  der  Funktion  des  Rechts  bewusst
zu  Sein.

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