Contents : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

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der  deutschen  Waffen  über  Rußlands  ungeheure  Übermacht
  keineswegs  sicher.  So  wählten  die  Polen  den
einfachsten  Ausweg  aus  der  verantwortungsvollen
Lage,  nämlich  die  Erfüllung  ihrer  Staatsbürgerpflicht
  in  den  Ländern,  denen  sie  angehörten.  Dieser

ntschluß,  der  den  galizischen  Polen  von  vornherein
feststand,  siegte  auch  bei  den  preußischen  Polen  über
Haß,  Mißtrauen  und  Vorurteil.  Um  so  schwerer  traf
die  Wucht  des  Konflikts  das  Polentum  in  Rußland.
Trotzdem  leistete  nur  eine  Minderheit  Rußland  unbedingte
  Gefolgschaft,  teils  aus  den  schon  bekannten
Gründen,  teils  verlockt  durch  Versprechungen,  mit
denen  die  Russen  seit  Ausbruch  des  Krieges  nicht  mehr
kargten.  Ihnen  gesellte  sich  zu,  wer  von  der  unbestimmten
  Furcht  vor  dem  Kommenden  gebannt  war.
Aber  es  mehrten  sich  auch  die  Anhänger  der  Unabbäng
  keitspartei,  und  auch  im  Königreich  fanden  die
in  Galizien  gebildeten  polnischen  Legionen  Rekruten.
Aber  die  Anschauung,  daß  ein  freies  Polen  nicht
Hand  in  Hand  mit  Rußland  gehen  kann,  ist  bisher
noch  lange  nicht  durchgedrungen.  Vielleicht  kann
man  sagen,  daß  die  Einsicht  in  die  Notwendigkeit
einer  Verständigung  mit  Deutschland  langsam
  Boden  gewinnt.

Wie  weit  haben  wir  Deutschen  nun  unsere  Stellung
  zur  Polenfrage  einer  Nachprüfung  zu  unterziehen?
  Wer  bisher  die  Frage  nur  von  seiner  Parteianschauung
  aus  lösen  wollte,  wird  sich  wohl  überzeugen
  müssen,  daß  damit  der  Kern  der  Sache  nicht
getroffen  wird.  Wer  die  bisherige  preußische  Ostmarkenpolitik
  in  der  Hauptsache  unterstüutzt  hat,  braucht
nichts  zurückzunehmen  und  keinen  Irrtum  abzuschwören,
  sofern  sich  darin  die  Erkenntnis  aussprach,
daß  die  Polenfrage  keine  innere  Fragesei,  sondern  eine
uns  aufgezwungene,  unabwendbare  Auseinandersetzung
  von  Volk  zu  Volk.  Anders  mancher,  der  mehr
aus  gefühlsmäßigem  Antrieb  handelte.  Wir  begegnen
ja  auch  noch  den  häufigen  geringschätzigen  Urteilen
über  die  Polen,  den  seltsamen,  auf  Unkenntnis  beruhenden
  Meinungen  über  ihre  politische  Geschichte,
Sprache  und  Literatur,  anderseits  auch  der  verbreiteten
  Vorstellung  von  einem  überall  und  allgemein
auszufechtenden  Kampf  zwischen  Germanentum  und
Slawentum,  wie  er  weder  geschichtlich  begründet  noch
aus  den  politischen  Verhälmissen  der  Gegenwart  zu
rechtfertigen  ist.  Wenn  andere  Völker  dergleichen
Theorien  im  Interesse  ihrer  Machtpolitik  gepflegt
haben  —  Rußland  den  Panfslawismus,  Frankreich
das  Trugbild  der  lateinischen  Rasse=  —,  so  braucht

I.  Politik  und  Geschichte

das  durch  den  Krieg  endgültig  national  gefestigte
Deutschland  solche  Täuschungen  nicht;  wir  haben  an
den  englischen  Vettern-  genug.  Trotz  allem,  was
uns  trennt.  gehört  Polen  nach  der  Art  seiner  Kultur
nicht  zu  Rußland,  sondern  zu  Mitteleuropa  und  somit
  zu  der  Machtgruppe,  in  die  ja  auch  das  Slawisch
sprechende  Volk  der  Bulgaren  bereits  eingetreten  ist.
Hier  wird  also  mancher  -  umlernene  müssen.

Eine  Verständigungmit  Deutschland  ist  für
die  Polen  notwendig;  für  uns  ist  sie  höchstens
wünschenswert.  Denn  ihr  Ausbleiben  brächte  uns
wenigstens  keine  schlimmeren  Nachteile,  als  wir  sie
bisher  in  einer  im  ganzen  für  uns  ungünstigeren  Lage
ungefährdet  ertragen  haben.  Daraus  ergibt  sich  die
einfache  Grundlage  unserer  Stellungnahme:  sie  kann
freundlich  sein,  aber  wir  können  unsere  Bedingungen
stellen.  Hierbei  muß  vor  allem  berücksichtigt  werden,
daß  die  Polen  keine  anerkannten  und  verantwortlichen
  Organe  besitzen,  mit  denen  ein  völkerrechtlich
gültiger  Vertrag  abgeschlossen  werden  könnte.  Wir
und  unsere  Verbündeten  müssen  uns  diese  Organe
kraft  unseres  Eroberungsrechts  selbst  schaffen.
halb  können  wir  uns  auch  nicht  auf  den  guten  Willen
der  zufälligen  Führer  der  Polen  verlassen,  sondern
nur  auf  Verhälknisse,  die  einen  natürlichen  Zwang
zur  Innehaltung  unserer  Bedingungen  ausüben.

Dazu  ist  vor  allem  ein  unzweideutiger  und  endgültiger
  Ver  icht  der  Polen  auf  den  Besitzstand
despreußischen  Staates  notwendig.  An  unverbindlichen
  Versicherungen  polnischer  Politiler  hat  es
zwar  nicht  gefehlt,  aber  in  den  Kundgebungen,  in
denen  sich  die  polnischen  Führer  an  ihr  Volk  gewandt
haben  —  z.  B.  in  dem  Aufruf  des  polnischen  Nationalkomitees
  —,  gibt  es  Wendungen,  die  geradezu
auf  die  Absicht  hindeuten,  diesen  Punkt  möglichst  unklar
  zu  lassen.  Warum  Preußen  Westpreußen  und
Posen  nicht  entbehren  kann  und  warummitjeder  Vorstellung,
  als  ob  diese  Landesteile  irgendwie  Gegenstand
  fremder  Ansprüche  sein  könnten,  endgültig  auf.
geräumt  werden  muß,  bedarf  keiner  langen  Auseinandersetzung;
  man  vergegenwärtige  sich  nach  einer
Karte  die  unmögliche  Gestalt  des  preußischen  Staates
und  seiner  Ostgrenze  ohne  diese  Provinzen,  deren
deutsche  Bevölkerung  ebenso  zahlreich  ist  wie  ihre  polnische,
  während  die  Werte,  die  dort  deutscher  Arbeit
verdankt  werden,  sehr  viel  größer  sind.  Osterreich  ist
in  einer  ganz  anderen  Lage.  Doch  sind  auch  hier  die
Verhältnisse  gegenwärtig  noch  nicht  geklärt  genug,
um  ein  Urteil  über  künftige  Lösungen  zu  fällen.

Die  äußere  Volitik  Frankreichs  seit
1871
von  Prof.  Dr.  N.  Sternseld  in  Berlin-Zehlendorf

Die  inneren  Erschütterungen  Frankreichs  seit  der
Goßen  Revolution  haben  sich  auch  in  dem  schroffen

echsel  seiner  politischen  Geltung  nach  außen  hin
kundgetan.  Bald  —  unter  den  beiden  Kaiserreichen  —
hat  es  die  führende  Stelle  in  Europa  und  geht,  wie
einst  unter  Ludwig  XIV.,  erobernd  vor,  bald  ist  es
gezwungen,  zurückzutreten,  von  den  andern  Großmächten
  wegen  seiner  Gefährlichkeit  beargwöhnt  und
überwacht.  Da  aber  keine  Nation  so  wenig  wie  die
französische  eine  solche  Bevormundung  zu  ertragen

vermag,  so  kommt  es  bei  Regierungen,  die  nach  außen
ohnmächtig  sind,  zu  inneren  Kämpfen,  bis  ein  neuer
Herrscher  dem  Volke  durch  siegreiche  Kriege  die  ersehnte
  gloire  verschafft,  ohne  die  es  nicht  leben  kann.

So  ging  es  im  19.  Jahrhundert  von  der  Besiegung
des  ersten  bis  zu  der  des  dritten  Napoleon.  Trotz
dem  Frankreic  1815  mit  ganz  geringer  Einbuße
aus  der  großen  Niederlage  des  Empire  hervorgegangen
  war,  konnte  es  doch  nicht  verschmerzen,  gedemütigt
und  von  dem  Willen  der  Sieger  abhängig  zu  sein.

Das  Bürgerkönigtum  hat  sich  wohl  einmal  zu  kriegerischer
  Drohung  aufgerafft,  als  1840  Adolf  Thiers
die  diplomatische  Niederlage  Frankreichs  im  Orient
durch  einen  Vorstoß  gegen  den  Rhein  rächen  wollte;