Flora. 471
4. Das Unterland.
Die Keuper= und Muschelkalkbildungen des Neckar= und Tauber-
gebiets zwischen dem Schwarzwalde, der Alb und der Nordgrenze des
Landes bilden zusammen die größte der natürlichen Abtheilungen des
Landes und bieten die reichste Abwechslung von Standorten, Kalkfelsen,
Sandstein= und Mergelhügel, ausgeschwemmtes Land. Der Charakter der
Flora dieses Gebietes besteht daher vorzüglich in der Mannigfaltigkeit
seiner Pflanzenformen; sie umfaßt den größten Theil der in den drei
andern vorkommenden und überdem noch 1077, also die meisten, ihr eigen-
thümliche Phanerogamen. Man findet in höheren Gegenden, wie bei
Ellwangen, im Welzheimer Wald, im Mainhardter Wald, Miniaturbilder
des Schwarzwaldes, während an anderen Stellen, im Schönbuch, Schur-
wald, am Stromberg, die Buche vorherrscht, wie auf der Alb, an vielen
gemischte Waldungen, wie in Oberschwaben; doch möchte ein südlicher
Zug, der bedeutend größere Reichthum an Eichen, als bezeichnend für
das Unterland gelten.
Zu entschiedenen Sandpflanzen des Unterlandes gehören unter andern:
Festuca Pseudomyurus, Aira flexuosa, caryophyllacea, Montia, Polyenemum,
Centunculus, Myosotis versicolor, Juncus squarrosus, Spergularia rubra, Hype-
ricum humifusum, Teesdalia, Digitalis purpurea, Sarothamnus, Arnoseris, Heli-
chrysum arenarium, Jasione montana.
Die entschieden kalkholden Pflanzen des Unterlandes finden sich fast alle auch
auf der Alb. Bei etlichen Pflanzen ist es wohl sicher, daß sie aus den Rheingegen-
den hereingekommen sind. Stromaufwärts wandern die Pflanzen begreiflicherweise
weit weniger, als stromabwärts, man vermißt daher viele am untern Neckar um
Mannheim und Heidelberg vorkommende Pflanzen, doch fehlt es nicht an auffallen-
den Beispielen solcher Wanderungen. Eine Melde, Atriplex oblongifolium, ist
bis Heilbronn gewandert, südeuropäische Chondrille, Chondrilla juncea, hat
ihre fliegenden Samen bis Lauffen und ins Oberamt Brackenheim heraufgesendet,
die Sonnenwende, Heliotropium europaeum, ist bis Bietigheim gekommen,
die edle Schafgarbe, Achillea nobilis, und die rundblättrige Minze,
Mentha rotundifolia, bis Vaihingen an der Enz, das Glaskraut, Parietaria
oftcinalis, welches in Südeuropa jede alte Mauer besetzt, bis Hofen bei Cannstatt
und bis Staufeneck bei Göppingen, die starkriechende Rauke, Diplotaxis tenui-
folia, bis Niedernau und Wasseralfingen; die Mauerrauke, Diplotaxzis muralis,
über Tübingen hinauf bis Balingen, die Sterndistel, Centaurea Calcitrapa,
bis auf die Uracher Alb und bis Göppingen, der Krähenfuß, Senebiera Coro-
nopus, bis Sulz und Untersontheim, der Hohldotter, Myagrum perfoliatum,
bis Haigerloch und Ellenberg, der Bisampippau, Crepis toetida, bis Nagold
und Glatten, der weidenblättrige Lattig, Lactuca saligna, bis Tübingen, der
Hundszahn, Cynodon Dactylon, und der gelbe Augentrost, Euphrasia lutea,
bis Rottenburg, und der wilde Lattich, Lactuca Scariola, bis Rottweil.
An den Weinbergen findet man oft ehemals gebaute Pflanzen verwildert,
wie den Waid, Ieatis tinctoria, den Wau, Reseda luteola, den Fenchel, Foe-
niculum officinale, und den Gartenwermuth, Artemisia pontica.