6 Das Volk.
aus Oesterreich, Steiermark, Kärnthen vertriebenen Protestanten,
welchen Herzog Friedrich I. in der zu diesem Zwecke gegründeten Stadt
Freuderstadt im Jahr 1599 Wohnsitze anwies. In Folge der Ver-
ödung des Landes durch den dreißigjährigen Krieg sollen sich in den letzten
Kriegs= und ersten Friedensjahren schwedische Soldaten, denen deutsche
aus verschiedenen Stämmen beigesellt waren, in der Baar und den an-
grenzenden Albgegenden niedergelassen haben, wo noch jetzt einzelne Güter
und Gewande den Namen Schwedenhöfe führen. Vom Steinlachthale, dessen
Bewohnern ebenfalls schwedische Beimischung beigelegt wird, hat sich ein
näherer Grund der Tradition nicht nachweisen lassen; überhaupt ist die ganze
Sache geschichtlich noch nicht genügend aufgehellt. Um dieselbe Zeit wanderten
vereinzelt viele Tiroler und Schweizer in die verödeten Theile der
oberschwäbischen Bezirke Wangen, Waldsee, Ravensburg, Tettnang ein.
In Folge der Aufhebung des Edikts von Nantes und der Religions=
verfolgungen in Piemont kamen am Ende des 17. und Anfang des
18. Jahrhunderts 2—3000 Hugenotten und Waldenser in das Land,
denen in den Oberämtern Calw, Leonberg, Maulbronn, Brackenheim, Cann-
statt Grundstücke, die noch vom Kriege her unangebaut oder wenig benützt
waren, überlassen wurden. Von den Orten ihrer Niederlassung erinnern
Perouse, Pinache, Serres, Groß= und Kleinvillars, Corres noch jetzt an
den fremdartigen Ursprung. Unter den übrigen sind Cannstatt, Dürrmenz,
Nordhausen, Neuhengstett (zuerst Bourset) zu nennen. Man hieß solche
Ortschaften die „welschen“ Dörfer. Die Nachkommen jener Ansiedler haben
Reste der Sprache, Kultformen und Sitten zum Theil bis auf den heutigen
Tag bewahrt, während die übrigen obengenannten Kolonisten sich schon
längst in der Masse des Volkes verloren haben. — Endlich sind hier noch
die im Land zerstreut lebenden Juden, deren Zahl im Jahr 1880 13 326
betrug, zu erwähnen. Sie gehörten fast ganz den vorderösterreichischen,
deutschordenschen, hohenlohischen, ritterschaftlichen Landestheilen an, da Alt-
württemberg und die Reichsstädte ihre Aufnahme sehr erschwerten.“)
Will man an diesem Orte neben dem ethnographischen Moment auch noch das
der geschichtlichen Vorzustände berühren, so zerfällt die württembergische Bevölkerung
in 1 050 000 Altwürttemberger auf etwa 160 O. M., und in 920 000 Neu-
württemberger auf 195 O. M. Außerhalb Württembergs beträgt die Bevölkerung
altwürttembergischer Gebietstheile etwa 40 000 Seelen; den Hauptbestandtheil der-
selben bilden die an Baden abgetretenen Schwarzwaldämter St. Georgen und Horn-
berg und das an Bayern überlassene Amt Weiltingen.
Die Neuwürttemberger zerfallen, wenn man den Bestand vor dem Reichs-
deputationshauptschluß als maßgebend betrachtet, nach annähernder Berechnung in:
–— — —
1) Ueber Zigeuner im Lande, mit welchen sich die Gesetzgebung seit 1515 zu
befassen hatte, vgl. die Oberamtsbeschreibung von Geislingen S. 49 und die im
Druck besindliche von Crailsheim.