Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

378 Englischer Bermittlungsvorschlag, 14 Juli. 
1626. Telegramm an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
sEigenhändiges Konzept.] 
Auf die Meldung des englischen Botschafters in Paris Lord Lgons vom 13. Juli, daß 
die französische Regierung an den König von Preußßen die Forderung zu stellen beabsichtige, „de 
defendre au Prince Hohenzollern de revenir sur sa résolution“ (ogl. Lord Lxons' Tele- 
gramm vom 13. Juli, Das Staatsarchio, XIX, 3° f.), batte der englische Ministerrat, der 
diese französische Sorderung durchaus mihbilligte, andererseits aber doch zur Erhaltung des 
Friedens eine entgegenkommende Erklärung Wilhelms I. für angebracht bielt, in einer Sitzung 
vom 14. Juli beschlossen, den beiden Regierungen einen Vorschlag auf mittlerer Linie zu unter- 
breiten. Lord Granville teilte dem Grafen Bernstorff den gesaßten Beschluß in solgendem Wort- 
laut mit: „Wir empfehlen Dreuhen, daß, da der König in die Annahme der Kandidatur gewilligt 
und dadurch gewissermahen sich an der Kombination beteiligt bat, Seine Maoajestät ohne die 
geringste Verletzung seiner Würde der französischen Regierung mitteilen könnte, daß er in 
gleicher Weise in die Jurückenohme der Annahme gewilligt hobe, wenn Grankreich seine 
Forderung einer Verpflichtung für die Jukunft fallen läßt. Eine solche Mitteilung auf den 
NRat einer befreundeten Macht würde ein weiterer und zwar der schönste Beweis des Wunsches 
des Königs sein, den Srieden von Europa zu bewahren.“ WVygl. dazu das Schreiben Gladstones 
an Königin Victoria vom 14. Juli, Königin Victorias Briefwechsel und Cagebuchblätter, ed. 
G. Earl Buckle, II, 27. Tatjächlich bat der König den englischen Vorschlag schon am 13. im 
voraus erfüllt (ogl. Ar. 1612, Vorbem.). Allerdings bat er die Konzession, deren er sich Bismarck 
gegenüber wohl schämte, nochträglich in Abrede stellen wollen, vgl. seine Aufjeichnung für Abeken vom 
14. Juli (Lord, a. a. O., p. 249 und Abekens Telegramm an Bismarck vom 15. (a. a. O., p. 250), 
was vielleicht so m erklären ist, daß der König die mündliche Bestellung an Benedetti durch 
Radiiwill, an der nach dem übereinstimmenden Seugnis des Slügeladjutanten und des Votschafters 
Ichlechterdings nicht zu zweifeln ist, nicht als eine offizielle Mitteilung an das französische Gou- 
vernement gelten lossen wollte. Bismarck, der von Anfang an mit absoluter Konsequenz die Auf- 
faslung festgehalten hat, daß keinerlei direkte oder indirekte Mitteilung über die Thronfolge 
nach Paris zu geben sei, hat diesen Standpunkt auch gegenüber der Empfehlung des englischen 
Ministerrats vertreten. Vgl. auch Ar. 1644. 
Berlin, den 14. Juli 1870. 
Üur Station: 1 168 nachm.] 
Telegramm 30 erhalten. Der König kommt morgen und wird von öhrer Mittbeilung 
gewiß peinlich berührt sein. Wir haben unter dem Drucke der öffentlichen Drohungen 
Grankreichs, wie man in England anerkennt, eine so friedliebende Mäßigung bethätigt, daß 
jedes weitre Zeichen davon eine Unterwerfung unter französische Willkühr darstellen ulndl 
eine Demüthigung sein würde, die das mit Vecht beleidigte Mationale Gefühl Deutschlandss 
nicht erträgt. Ich befinde mich in der Unmöglichkkeit, dem Könige eine Erklärung der 
angedeuteten Art anzuratben. Die Haltung unfrer öffentlichen Meinung beweist, daß die 
ganze Nation unter dem Sinflusse der französischen Drohungen zu dem Entschlusse gelangt 
ist, den schwersten Krieg der Unterwerfung des Königs unter das unberechtigte Anfinnen 
Frankreichs vorzuziehn. Wir hatten von England eine Anerkennung der verföhnlichen 
Haltung des Königs, aber nicht die Befürwortung neuer Ansprüche Grankreichs gehofft. 
Die ARegirung Preußens hat mit der Annahme der Candidatur Hohenzollern garkeine 
Beziehung, nicht einmal Kenntniß davon gehabt, lie kann also auch keine Willigung in dieselbe 
durch Einwilligung in ihre Jurücknahme compensiren. Privative Acte aber von einem 
Könige zu fordern, kann kein Gegenstand von Staatsverhandlungen sein. 
R. H. Lord, The Origins of the War of 1870. p. 248. 
Vgl. Ar. 1625, Vorbem. 
* Anfangs batte Bismarck geschrieben: „Norddeutschlands“.