127] Die Crefelder Seidenindustrie und die Krisis. 127
1867 auf 10, 1872 auf 12, 1877 auf nur 9 Mark an; das ergibt ein
Sinken von 25 Procent. Aber das find noch nicht die geringsten Verdienste.
Der Landrath Bödiker 1) berechnet im Kreise Gladbach das
Wochenverdienst am 1. December 1875 und 1. April 1878 eines tüchtigen
Sammetwebers auf 16 bzw. 9 Mark, eines tüchtigen Seidenwebers
auf 15 bzw. 9 Mark, eines weniger tüchtigen Arbeiters auf 12 bzw. 6
und 11 bzw. 6 Mark. Eine Konferenz von neun sehr angesehenen Webermeistern
aus der Stadt Crefeld gab mir als Lohn pro Meter an: für
Satin (4 Draht, 28 Feine, 18 Zoll) im Jahre 1867: 1.80 —2.10 Mark,
1872: 20 Procent über, 1877: 20 Procent unter diesem Satze, und für
Taffet (einfach mit geschorener Kette; 4 Draht, 32 Feine, 22 Zoll) 1867:
2.50 Mark, 1872: 10 Procent über, 1877: 30 Procent unter diesem
Sage, welcher etwa der Lohnliste von 1848 entsprach.
Einem scharfen Rechner verdanke ich folgenden Bücherauszug für ein
Sammetgeschäft von mittleren Lohnverhältnissen und mittlerer Größe mit
etwa 300 Webern. Von diesen verdienten im Jahre 1877 nur etwa
1 Procent ausnahmsweise fleißige und geschickte Arbeiter, Künstler ihres
Faches, an den feinsten Qualitäten von Seidensammet 700 Mark, 9 Procent
fleißige Arbeiter 550 Mark, 50 Procent Durchschnittsarbeiter an einfachen
Sammeten in der Erkelenzer Gegend 450 Mark und 40 Procent
träge und unsolide Weber, Lehrlinge und wenig geschulte Gesellen etwa
300 Mark jährlich pro Webstuhl; an demselben find der Weber den
ganzen Tag über, das Spulkind zwei Stunden täglich und die Frau mit
dem Säubern der Kette beschäftigt. Von jenem Bruttoverdienste gehen
noch 20 Mark jährlich für Ruthen, Haken rc. ab. Im Dorsfe Niederkrüchten
im Kreise Erkelenz habe ich Weber gefunden, welche im Winter
1878/9 6—7 und nur in einzelnen Artikeln 9—13 Mark wöchentlich verdienten,
in anderen aber war der Lohn auf ein Drittel des früheren gesunken.
In den Kreisen Erkelenz und Geilenkirchen hat es sich im
Jahre 1877 gelegentlich der Beurtheilung von Reklamationen bei der
Militäraushebung ) aus den vorgezeigten Lieferscheinen ergeben, daß die
Weblöhne pro Meter fertigen Stoffes von früher 1.20 Mark und mehr
auf 90 bis höchstens 95 Pfennige herabgegangen waren; dazu waren die
Ablieferungstermine derart verlängert, daß ein Sammetweber daselbst
80—90 Pfennige täglich verdiente. In noch schlimmerer Lage befanden
sich die Kattunweber, welche bei der Verarbeitung höchst schlechten Materials
nach Abzug aller Auslagen für Oel,. Schlichtmehl und Spulen kaum
50—60 Pfennige täglich nachbehielten. Dabei waren die Lebensmittelpreise,
Miethen und Steuern auf ihrer alten Höhe geblieben. Die Ketten,
welche die Weber sich jetzt gefallen lassen mußten, waren verlegene und
leicht zerreißbare, verbrannte und künstlich erschwerte Waare, die Kämme
alt und oft so schmutzig, daß sie zum Zerreißen der Kettfäden noch beitrugen.
Sorgfältige Arbeit mußte das schlechte Material wett machen,
jetzt war die Kritik des Publikums, des Seidenwaarenhändlers und des
Fabrilanten erwacht, daher verschärften sich die Kontrolle und die Abzüge
¾ Gewortiie Zei Gorit von Bueck. 1878. S. 25.
NRegierung#rath Goeschen: Bericht über 8 Lage der Industrie im Reg.Vez.
Aachen Januar 1878.