Full text : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

Pflege  der  Verwundeten.  55

schwornen  blutigen  Geister  ihnen  selber  drohend  gegenüber  traten.
Diese  Elenden  waren  bald  vergessen.

Während  in  Paris  auf  diese  Weise  der  Einfluß  der  Republikaner
sich  immer  mehr  fühlbar  machte  und  die  Regentin  zu  den  äußersten
Schritten  trieb,  gestalteten  sich  auch  bei  der  Armee  die  Sachen  für
das  Kaiserreich  immer  ungünstiger.  Napoleon  hatte  bisher  den  Oberbefehl
  geführt,  seiner  Unfähigkeit  schrieb  die  öffentliche  Stimme  die
erlittenen  Niederlagen  zu,  ungestüm  wurde  verlangt,  ein  andrer  solle
an  die  Spitze  der  Armee  treten.  Der  Kaiser  gab  dem  Drucke  nach,
Marschall  Bazaine,  der  Bandit  von  Mexiko,  wurde  zum  Oberbefehlshaber
  und  Oberfeldherrn  ernannt,  der  Kaiser  verblieb  bei  dem  Heere,
aber  ohne  Charge.  Von  dem  edlen  Prinzen  Louis,  dessen  Kaltblütigkeit
  die  Graubärte  unter  den  Soldaten  angeblich  zu  Thränen  rührte,
ist  von  nun  an  nicht  mehr  die  Rede.

Drei  glänzende  Siege,  welche  den  Rückzug  des  ganzen  französischen
  Heeres  erzwangen,  der  Sturz  des  Ministeriums,  welches  den
Krieg  erklärte,  der  Verzweiflungskampf  des  wankenden  Kaiserreichs
gegen  die  drohend  aufstehende  Republik  —  das  waren  die  Resultate
der  deutschen  Waffen  in  der  ersten  Woche  des  Krieges!  Sie  waren
ungeheuer,  sie  setzten  ganz  Europa  in  starres  Erstaunen,  sie  erfüllten
alle  deutschen  Herzen  auf  dem  Erdenrund  mit  Jubel,  und  wohl  war
König  Wilhelms  Wort  am  rechten  Platze,  wenn  er  in  dem  Siegestelegramme
  seinem  Volke  zurief:  „Preisen  wir  Gott  für  seine  Gnadel“

Fast  gleichzeitig  mit  den  Siegesbotschaften  trafen  aber  auch  die
Züge  mit  den  Verwundeten  ein,  und  daheim  beeilte  man  sich,  nach
allen  Kräften  die  Noth  derer  zu  lindern,  welche  für  das  Vaterland
geblutet  hatten.

Von  Seiten  des  States  sowohl  wie  von  Privatleuten  waren  umfassende
  Maßregeln  zur  Verpflegung  der  Verwundeten  getroffen.  Ausgezeichnet
  durch  Zweckmäßigkeit  und  Präzision  der  Hülfeleistungen  waren
die  Anstalten  des  Johanniterordens,  dessen  Mitglieder  besonders  unter
dem  Adel  der  ältern  Landestheile,  unter  Vorsitz  des  Prinzen  Karl  von
Preußen,  vertreten  waren.  Dieser  Orden,  dessen  Fonds  allein  in  den
freiwilligen  Beiträgen  seiner  Mitglieder  bestehen,  besitzt  zahlreiche,  nach
den  besten  Erfahrungen  eingerichtete  Krankenwagen,  Lazarethe  und  an-