Das sind doch Ansichten, die eine völlige Verkennung der
Lage der Dinge offenbaren. Niebuhr hat anscheinend kein
Verständnis dafür gehabt, was ein preußischer Gesandter beim
Vatikan zu leisten hat, nämlich die Interessen und Forderungen
seines Staates mit aller Energie zu vertreten. Er wollte der
Kirche gewähren, was sie bis heute zum Teil noch nicht hat
durchsetzen können nach einem Jahrhundert straffster klerikaler
Politik.
Suchen wir nach Gründen für diese Ansichten, so könnte
man meinen, daß Niebuhr sich durch die fraglos gewandte
Politik eines Consalvi und die ehrwürdige Milde eines Pius VII.
umgarnen ließ, umsomehr, als es in einem Briefe von ihm kurz
vor seinem Scheiden aus Rom heißt: 8%) „Hier sind nur Wenige,
von denen es mir schwer fallen wird, mich zu trennen .
Der Pabst und der Kardinal Consalvi lassen mich ungern ziehen.“
Aber den wahrscheinlicheren Grund sieht man mit Mirbt 8!) wohl
darin, daß Niebuhr ein Gelehrter, doch kein Diplomat, wie die
meisten preußischen Beamten ohne genügende Kenntnis von
der katholischen Kirche seinen Posten antrat und daß ihm die
Fähigkeit zu beobachten und mitgebrachte Vorurteile abzuändern
nicht gegeben war.
„Er kämpfte“, wie Nielsen 82) richtig sagt, „mit ritterlicher
Wärme für die Traumbilder des mittelalterlichen Roms, deren
Gefahren er nicht sah.“ Und zu seiner Entschuldigung kann
geltend gemacht werden, das er sich nie in Rom wohlgefühlt
hat 8°), und daß seine Ansicht auch in der Berliner Regierung
viele Anhänger hatte.
So forderten mit ihm, der noch am 29. 8. 1820 für ein
Konkordat dem Wunsche Consalvis gemäß plädierte, die Räte
Nicolovius und Schmedding sowie der neue Minister Altenstein
%) Lebensnachrichten, II. S. 506, vgl. auch S. 253 und 497.
81) Mirbt, Gesandtschaft, S. 22,
88) Seite 271.
88) Eyßenhardt, S. 224.