32 Deutsches Reich. (Jan. 24.—26.)
wurde die Räumungsfrage und die Frage der westlichen Randstaaten in
den Vordergrund gestellt. Es wurden von beiden Seiten die Formulierungen
als Grundlagen für die Beratung niedergelegt, welche den Herren aus den
Publikationen bekannt sind. Die vielbesprochene Formulierung vom 27.
(s. Gesch Kal. 1917 Tl. 2 S. 963 f.) war in diesem Sinne kein offizielles Aktenstück,
sondern eine während der gegenseitigen Debatten entstandene Niederschrift,
in welcher der Standpunkt beider Parteien näher umrissen wurde.
Es ist vielfach versucht worden, zwischen dem Dokument vom 25. und dem
vom 27. einen inneren Unterschied, eine innere Diskrepanz zu konstruieren.
M. H., das ist nicht richtig, es sind Legenden entstanden, als hätten zwischen
dem 25. und 27. äußere Einflüsse eingewirkt, als hätte der Standpunkt der
Delegation sich verschoben. Das, m. H., sind alles Legenden; überhaupt
wird von denjenigen, welche berichten, daß der schwachgewordenen Delegation
von hier aus der Rücken gestärkt worden wäre, und was dergleichen Erzählungen
mehr sind, doch die Stetigkeit und Zielsicherheit unseres politischen
Bestrebens ganz erheblich unterschätzt. In der eben zitierten programmatischen
Rede des Grafen Hertling war einmal seine Bereitschaft zur Diskussion
des russ. Angebotes ausgesprochen, das andere Mal der Grundsatz
der Anwendung des Selbstbestimmungsrechts auf die westlichen Randstaaten.
Aus diesem einen Dokument, das einem einheitlichen Geiste entsprungen
ist, sind die beiden Schriftstücke vom 25. und 27. mit absoluter Logik und
mit absoluter Notwendigkeit ihrerseits entsprungen. Es sind, wenn ich mich
so ausdrücken darf, zwei Stücke eines Ringes, die vollkommen und lückenlos
aufeinanderpassen. Die zweite Phase der Verhandlungen nach der Pause
galt der Diskussion hauptsächlich der in den beiden Formulierungen niedergelegten
gegenseitigen Standpunkte. Die Atmosphäre der beiden Hälften der
bisher geführten Verhandlungen war total verschieden. Während wir im
ersten Zei- auf russ. Seite den Eindruck hatten, daß eine dem deutschen
Wesen freundliche Grundstimmung herrschte, während die sämtlichen Herren
der russ. Delegation auch außerhalb der Sitzungen freundschaftlichst mit uns
verkehrten, an den gemeinsamen Mahlzeiten im Kasino teilnahmen und
zweifellos gelegentlich durch diesen zwanglosen Meinungsaustausch auch die
geschäftlichen Beziehungen wesentlich förderten, war nach der Ankunft des
Herrn Trotzki als Führer der russ. Delegation eine totale Schwenkung in
der Haltung der russ. Delegation festzustellen. Es war wie Tag und Nacht.
Die russ. Herren hielten sich in ihren Häusern hermetisch abgeschlossen, erschienen
niemals in unserem Kreise, es sei denn zu offiziellen Verhandlungen
mit Stenographen und allem dazu gehörigen Material. Nicht einmal
private Aussprachen der einzelnen Herren waren im ganzen mehr zugelassen.
Sie wurden immer nur zu Zweien und zu Dritt entsandt. Auch
die ganze Verhandlungsart, über die ja Ihnen durch die außerordentlich
ausführlichen Veröffentlichungen, die wir erlassen haben, das Nähere bekannt
ist, war eine ganz andere geworden. Unsere Gegner gingen viel mehr
darauf aus, taktische Vorteile zu erringen, Punkte zu gewinnen, die sich
agitatorisch zur Verbreitung in das Ausland eigneten, als durch praktische
Vorschläge und Annäherung an das, was wir unsererseits formuliert hatten,
wirkliche Ergebnisse zu erzielen.
Die Verhandlungen ruhen augenblicklich wieder im Hinblick auf die
sehr tumultudrischen Ereignisse in Petersburg, welche die persönliche Gegenwart
des Volkskommissars Trotzki notwendig machten. Die Verhandlungen
werden voraussichtlich Anfang der kommenden Woche wieder aufgenommen
werden. Ich möchte jetzt aber den Ausblick, der sich uns bietet, noch nicht
vorwegnehmen. Zunächst möchte ich den Blick auf das ungeheure Gebilde
werfen, das wir gewohnheitsmäßig unter dem Namen: Rußland zu-