Preußen und der norddeutsche Bund. 113
Mächten sind nach allen Seiten hin befriedigend und freundschaftlich. Eine
erfreuliche Uebereinstimmung in wachsender Bildung und Humanität hat der
internationale Congreß bewährt, welcher soeben in Genf die Aufgabe gelöst
hat, die früher festgestellten Grundsätze für die Behandlung und Pflege der
Verwundeten im Kriege zu vervollständigen und auf die Marine auszudehnen.
Wir dürfen hoffen, daß der Augenblick fern sei, der diese Ergebnisse zur Anwendung
berufen werde. Die Gesinnungen der Souveräne und das Friedensbedürfniß
der Völker begründen die Zuversicht, daß die fortschreitende Entwickelung
des allgemeinen Wohlstandes nicht nur keine materielle Störung
erleiden, sondern auch von jenen Hemmungen und Lähmungen wird befreit
werden, welche grundlose Befürchtungen und deren Ausbeutung durch die
Feinde des Friedens und der öffentlichen Ordnung ihr nur zu oft bereiten.“
4. Nov. (Preußen). Der Dichter Geibel (s. Bayern 14. Oct.) erhält
vom König eine jährliche Pension von 1000 Thlrn.
5.11. (Preußen). Das Consistorium der Provinz Brandenburg lehnt
das Gesuch des Berliner Magistrats um Gestattung der kirchlichen
Feier des 100jährigen Geburtstags Schleiermachers in der Nicolai-Kirche
ab und erregt dadurch in den liberalen Kreisen der Hauptstadt
eine gewaltige Aufregung.
5.11. (Preußen: Hannover). Der Provinziallandtag genehmigt die
Vorlage wegen Ablösung der Reallasten gegen die Stimmen der
Ritterschaftlichen und bestellt das neue Landesdirectorium ausschließlich
im Sinne der Majorität. Es werden gewählt: v. Bennigsen zum
Landesdirector (mit 53 gegen 12 Stimmen) und zu Landesräthen
Dr. König von Osterode (mit 62 gegen 6 Stimmen) und Bürgermeister
Hugenberg von Melzen (mit 35 gegen 33 Stimmen); der
Candidat der Ritterschaftlichen, Herr von Lenthe, bleibt in der
Minderheit.
6.11. (Preußen). Abg.-Haus: Der Finanzminister legt das Budget
für 1869 vor. Dasselbe zeigt ein Defizit von 5,200,000 Thlrn.,
was durch eine besondere Denkschrift und durch mündliche Auseinandersetzung
des Ministers erörtert wird.
Die Denkschrift des Ministers über das Defizit sagt: „In dem
vorliegenden Staatshaushalts-Etat hat zur Herstellung des Gleichgewichts
zwischen den Einnahmen und Ausgaben eine außerordentliche Einnahme von
5,200,000 Thlr. in Ansatz gebracht werden müssen. Um dieses Ergebniß
sachgemäß würdigen zu können, ist es nothwendig, einen kurzen Rückblick auf
die beiden letzten Jahre und die Momente zu werfen, welche auf die Lage
des Staatshalts-Etats einen wesentlichen Einfluß geäußert haben. Zunächst
sind es die Folgen des Krieges im Jahre 1866 und noch mehr die nach Beendigung
desselben vielfach eingetretenen Beunruhigungen auf dem politischen
Gebiete, welche theils mittelbar, theils unmittelbar von nachtheiliger Wirkung
auf die Finanzen gewesen sind. Die während des Krieges an das Land gemachten
Anforderungen haben sich im Kriegsjahre selbst bezüglich der Staatsfinanzen
zwar nur wenig fühlbar gemacht, wie sich daraus ergibt, daß die
Finanzresultate dieses Jahres zu den günstigeren gehören, da die rechnungsmäßigen
Einnahmen den Voranschlag im Bruttobetrage um 10,284,000 Thlr.
und im Nettobetrag um 7,852,500 Thlr. überschritten haben. Es läßt sich
jedoch nicht verkennen, daß nach dem Kriege in vielen Zweigen der Erwerbsthätigkeit
Stockungen eintraten, welche in dem darauffolgenden Jahre theils