Nationalitäten und Parteien Ungarns
B. Ungarn.
Ungarn ist ein vielsprachiges Land. Als es vor etwa.
1000 Jahren von den Magoren erobert wurde —
das 1000jährige Jubiläum der = Landnahme= wurde
1896 glänzend gefeiert —, fanden sie im Nordwesten
Nordslawen, im Westen von Karl dem Großen dahinverpflanzte
Deutsche, im Südwesten Südslawen, im
Südosten Reste der Hunnen und Avaren vor. Mit
ihnen kamen Kleinrussen ins Land. Ob die Vlachen,
Walachen, Nachkommen der von den Römern unterjochten
und romanisierten Dacier, die jebigen Rumänen,
schon zu jener Zeit in Siebenbürgen hausten
oder erst später einwanderten, ist strittig. Diese
Bölkermischung wurde unter den Königen aus dem
Hause Arpad durch die Vinwanderung von deutschen
Rittern, Handwerkern, Bauern und Bergleuten und
unter Karl VI., Maria Theresia und Joseph II. durch
Ansetzung deutscher Bauern in den von den Türken
zurückeroberten Landesteilen ergänzt. Das unter
den Anjous eingewanderte italienische und das von
den Türken zurüthelassene Element assimilierte sich
der übrigen Bevölkerung. Als der von Prinz Eugen
von Savoyen eroberte Nordwesten der Balkanhalbinsel
wieder an die Türken verlorenging, wanderten
sehr viele Serben mit ihrem Patriarchen nach Südungarn
ein.
ie nationale Differenzierung machte sich dadurch
weniger bemerkbar, daß die lateinische Sprache bis in
die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts Amts- und
Gerichtssprache blieb. Der Wahlspruch Stephans des
Heiligen: „Regnum unius linguae imbecille et fragiler
läßt erkennen, daß trotz zeitweiliger fremdenfeindlicher
Strömungen jahrhundertelang in Ungarn
nationale Toleranz geherrscht hat. Der Adel,
die allein berechtigte pohtesche Nation, obwohl verschiedener
Nationalität, wurde durch das verbindende
Band der Standesinteressen und der gemeinsamen
lateinischen Sprache einheitlich erhalten. Die Städte
hatten fast durchweg deutsches Recht und deutsche
Selbstverwaltung. Nach dem übergange der ungarischen
Krone an das Haus OÖsterreich sungierten die
Wiener Zentralbehörden, sowohl die militärischen wie
fiskalischen, in deutscher Sprache. Die Reformation
trug wesentlich zur Erhaltung der verschiedenen Volkssprachen
bei, soweit nicht, wie bei den Serben, Ruthenen
und Rumänen, die griechisch orientalische
Kirche ein Hort ihres besonderen Volkstums war und
noch heute ist. Die Siebenbürger Sachsen wurden als
eine der drei ständischen Nationen des Großfürstentums
durch den Protestantismus dem Deutschtum
dauernd erhalten.
Ein klareres nationales Bewußtsein wurde zunächst
bei den Magyaren durch die Versuche Josephs II.,
die deutsche Amtssprache einzuführen, wodurch die
adlige Komitatsverwaltung bedroht schien, geweckt
und als Vorwand zur Verteidigung der Adelsvorrechte
wirksam benutzt. Zu lebhafterem Ausdruck kam
es aber erst nach den Napoleonischen Kriegen, in Verbindung
mit den wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen
des Grafen Stefan Szecheny. Das vernünftige
Bestreben, die tote lateinische Sprache aus
der Verwaltung und Justiz auszuschalten, schlug in
das Verlangen um, mit Unterdrückung aller übrigen
Landessprachen das Magyarische zur alleinherrschenzu
machen. Gegen einen rasch erlahmenden
Biderstand der Konservativen stellte sich auch der
Landtag durch gesetzgeberische Maßnahmen in den
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Dienst der Magyarisierung und rief dadurch den heftigen
Widerstand insbesondere der Slawen hervor,
bei denen sich inzwischen auch Ansätze zur Pflege der
Volkssprache und einer nationalen Literatur gezeigt
hatten. Die Slowaken trachteten, sich literarisch von
den Tschechen zu emanzipieren. im Kreise der Kroaten
und Serben war Gaj der Urheber der illyrischen Bewegung.
Festce- Gestalt nahmen diese rasch wachsenden nationalen
Bewegungen im Jahre 1848 an, als der
Preßburger Landtag von Kaiser Ferdinand mit der
Ernennung eines selbständigen ungarischen Ministeriums
eine nahezu vollständige selbständige Staatlichkeit
für Ungarn erlangte und ihr sofort einen ausschließlich
magyarischen Charakter zu geben versuchte.
Kroaten, Serben, Slowaken und auch die Rumänen,
die im Großfürstentum Siebenbürgen auf der Blasendorfer
Versammlung vollständige Rechtsgleichheit
und nationale Gleichberechtigung forderten, griffen
zu den Waffen gegen die magyarische Herrschaft.
ach der Niederwerfung der Revolution, die im April
in Debreczin das Haus Habsburg des Thrones verlustig
erklärt, aber in Szegedin durch ein Nationalitätengesetz
die Nichtmagyaren zu gewinnen gesucht
hatte, wurde im absolutistischen österreichischen Gesamtstaate
die nationale Individualität aller Volksstämme
anerkannt und ihren kulturellen Bestrebungen
freier Lauf gelassen.
Als die Niederlagen des Jahres 1859 die Dynastie
veranlaßten, einen Ausgleich mit dem von der Emigration
revolutionär beeinflußten Magyarentum zu
suchen, trachtete dieses, die Nichtmagyaren durch weitgehende
Versprechungen für sich zu gewinnen, und in
iebenbürgen wurde, allerdings unter österreichischem
Einfluß, vollständige nationale Gleichberechtigung
in Verwaltung, Justiz und öffentlichem Leben durchgeführt.
Eine der Bedingungen des 1867er Ausglei
s war auch die Befriedigung der berechtigten
Forderungen der nichtmagyarischen Nationalitäten,
die nach Meinung der letzteren in dem von Kultusminister
Baron Eötvös eingebrachten und vom ungarischen
Reichstage 1868 angenommenen Nationalitätengesetz
(Ges.-Art. 44) in ungenügender Weise
erfüllt worden sind und durch spätere einschränkende
Gesetze größtenteils neue Berechtigung Erlangten.
Seit der Einführung des dualistischen Systems
haben die nichtmagyarischen Völker in Ungarn nicht
aufgehört, für die auf allen Gebieten des bffenniichen
Lebens erschwerte oder ganz unterdrückte Geltung
ihrer Muttersprache und für freie kulturelle Entwicklung
zunächst im Rahmen des systematisch nicht eingehaltenen
und wiederholt als undurchführbar bezeichneten
Nationalitätengesetzes zu kämpfen, obwohl
ihnen dies im Parlament durch ein engherziges Wahlesetz
und durch eine auch von den magyarischen
O##sttionsparteien laut verdammte Wahlpraxis
nahezu unmöglich gemacht worden ist und noch immer
auf jede nur mögliche Weise erschwert wird.
Die offizielle ungarische Statistik gibt kein zuverlässiges
Bild der Nationalitätenverhältnisse, weil der
Staat, die Behörden, die Gesellschaft, d. h. die herrschenden
Schichten das Magyarentum als ziffermäßig
möglichst zahlreich hin zustellen trachten. Die Rubrik
Muttersprache wird auch durch die Frage alteriert,
welche Sprache man am liebsten spreche, und für
viele der Befragten ist es schwierig, eine andere als
die magyarische Sprache anzugeben. Nach der amtlichen
Statistik ergab die Volkszählung im Jahre 1910: