Haehner: Kriegschirurgie
nicht nur durch Infanteriegeschosse, sondern auch durch
Handgranaten und das ganze Arsenal der Schützenrabengeschütze
bedingt sind und mit einer starken
Ferschmußzung der Wunden einhergehen. Dadurch
ist die Anzahl primär infizierter Wunden jetzt außerordentlich
groß, und nicht mehr der erste Verband,
wie es früher hieß, sondern vornehmlich die primäre
Infektion entscheidet über das Schicksal. Die englischen
und französischen Kriegschtrurgen sind wieder zu ausgedehnter
Anwendung von infektionsbekämpfenden
Flüssigkeiten übergegangen, während die deutschen
Chirurgen den Kampf gegen die Wundinfektion im
allgemeinen wesentlich, statt mit der chemischen, mit
der physikalischen Antiseptik führen; dabei hat sich
schon allein die vollständige Ruhigstellung der verletzten
Gewebe als ein mächtiges Unterstützungemittel
erwiesen, das bei Knochen= und Gelenkschüssen von
der größten Bedeutung ist. Sehr günstige Erfolge
bei eiternden Wunden hat man unter anderem mit
der offenen Wundbehandlung, die jetzt bei
Kriegsverletzungen vielfach in Anwendung gekommen
ist, erzielt. Fig. 1 auf Tafel I zeigt einen derartigen
„Krankensaal. Die Wunden werden hierbei ohne
jeden Verband gelassen (Tafel J, Fig. 2); das Hauptprinzip
dieser Behandlung beruht auf dem Einfluß
eines ständig bewegten, austrocknenden Luftstromes,
zu dem die heilende Kraft der Sonnenstrahlen hinzutritt.
Es wurde so z. B. eine auffallend schnelle Besserung
der Erfrierungswunden beobachtet, die selbst
bei kalter Witterung ohne Bedeckung der freien Luft
ausgesetzt waren. Die bekannte Heilkraft der intensiven
Sonnenstrahlung im Hochgebirge wurde durch
die elektrisch Wreugte künstliche Höhensonne= (Tafel J,
Fig. 3) in die Ebene mit ihren selleneren und weniger
intensiven Sonnentagen verpflanzt, und auch sie findet
mit gutem Erfolg in immer steigendem Maße bei
der Behandlung der Kriegsverletzungen Verwendung.
Diese allgemeinen Grundsätze der Kriegschirurgie
geiten wie beim Land= so auch beim Seekrieg. Lediglich
der Unterschied der Wunden an Bord, die in der
Regel von Minen und schweren Geschützen herrühren,
kann einen Unterschied imchirurgischen Handeln gegenüber
den Kriegswunden im Felde bedingen.
Die riesige Ausdehnung der jetzigen Schlachtfelder.
der weitreichende Geschoßhagel der modernen Handfeuerwaffen,
Maschinengewehre, schweren Geschütze
bringen es mit sich, daß manchem Verwundeten ärztliche
Hilfe erst spät zuteil werden kann. Dadurch erklärt
es sich, daß zwei der schlimmsten und heimtückischsten
Wundinfektionen, Wundstarrkrampf (Tetanus)
und Gasbrand, so viele Opfer gefordert haben.
Der Tetanus tritt vor allem bei ausgedehnten,
mit Zerreißungen in der Tiefe einhergehenden Wunden
(Granatwunden) auf, die durch Erde und Kleiderfetzen
verunreinigt sind. Er ist auf den verschiedensten
Kriegsschauplätzen jetzt wieder häufig beobachtet worden
und hängt anscheinend mit der Bodenbeschaffenbeit
innig zusammen. Erst nach dem Kriege wird die
Feststellung möglich sein, welche Gegenden sich dabei
am gefährlichsten gezeigt haben. Bei dem Tetanus
haben wir im Wundstarrkrampfserum ein, vor allem
bei frahzeig r Anwendung, gut wirkendes Heilmittel
in der Hand, das jetzt vorbeugend gleich nach den
Verletzungen eingespritzt wird. Für die zweite, äußerst
gefährliche Wundinfektionskrankheit, den Gasbrand,
fehlt ein entsprechendes Mittel. Die Gasgangrän,
wie diese Krankheit auch genannt wird, ist verursacht
durch in der Wunde gasbildende Bakterien und trägt
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daher ihren Namen; mit dem Gaskampf, dieser Errungenschaft
des jetzigen Krieges, hat sie nicht das
eringste zu tun. In der Hauptsache sind es die
unden der Gliedmaßen, bei denen diese Infektion
auftritt, und zwar meist bei stark zerrissenen Wunden,
besonders also Granatverletzungen. Es gleicht dies
Verhalten durchaus dem des Tetanus, mit dem die
Gasgangrän auch noch die Abhängigkeit von der
Bodenbeschaffenheit teilt. Die Infektion zeigt ein auf.
fallend rasches Fortschreiten mit schon bald einsetzenden
schweren septischen Erscheinungen. Im Röntgenbild
können Gasblasen im Gewebe schon frühzeitig
nachgewiesen werden und somit auf die drohende Entstehung
der Krankheit hinweisen. Große Einschnitte,
in vielen Fällen die Abtrennung) des verletzten Gliedes,
find meist erforderlich, um das Leben zu retten.
Die Verschiedenheit der Anschauungen in der allgemeinen
Wundbehandlung spiegelt sich auch in der
speziellen Behandlung der einzelnen Verletzungen.
Es ist dies begründet in der Verschiedenartigkeit der
Verhältnisse, unter denen die einzelnen Chirurgen
zu arbeiten
haben. Die
vorderste Linie
verlangt
ein anderes
Vorgehen
als die rückwärtigen
Lazarette,
und
auch unter
den Feldlazaretten
ist insofern
keine
Einheitlichkeit
möglich,
als je nach der Gefechtslage das eine oft seinen Standort
wechselt, das andere mehr den Charakter eines
stehenden Lazaretts angenommen hat. Zwischen dem
seßleren und den Heimatlazaretten besteht wieder insofern
ein Unterschied, als diesen naturgemäß ein weit
geringeres Material an frischen Verletzungen, aber
eine viel ausgedehntere Behandlung der Verletzungsfolgen
zufällt. Dies tritt vor allem klar zutage bei
den Schädelschußverletzungen und den Knochenverletzungen
der Gliedmaßen.
In der Hauptsache unterscheidet man Weichteil. und
Knochen= und Hirnschüsse des Schädels. Die letzteren
werden in drei Hauptgruppen eingeteilt: Tangential-,
Durch= und Steckschüsse. Die Tangentialschüsse
(Textfig. 1), die den größten Teil der den Verbandplatz
erreichenden Schädelverletzungen bilden, bedingen
eine mehr rinnenförmige Verletzung der Schädelweichteile,
des knöchernen Schädelgerüstes und unter
Umständen der Hirnoberfläche. Doch kann bei ihnen
das Gehirn auch in erheblichem Umfange durch die
eingedrungenen Knochensplitter geschädigt sein. Als-Durchschüsse,
die häufig den sofortigen Tod zur Folge
haben, werden solche angesehen, bei denen das Geschoß
durch die ganze Hirnmasse hindurchgegangen
und eine Ein= und Ausschußöffnung., die bei einer
Entfernung von 1800 — 2000 m lochartige Defekte
bilden, festzustellen ist. Bei den Steckschüssen ist dagegen
nureine Einschußöffnungvorhanden;das Geschoß sleckt
im Schädel (Tafel 1, Fig. 4), da es infolge der großen
Entfernung seine Durchschlagstraft verloren hat. Die
Größe der Verletzung ist überhaupt stets abhängig
von der Entfernung, aus der das Geschoß auftrifft.
Fig. 1. Tangentialschuß des Schädels.