Volltext : Deutschland und der Weltkrieg.

 

40  atto  Hintze

BRußland  konnte  man  die  Nolle  nicht  vergessen,  die  einst  Aikolaus  I.
in  Deutschland  gespielt  hatte;  und  man  glaubte  Anspruch  auf  Hilfsleistungen
  Deutschlands  bei  den  Ausdehnungsbestrebungen  und  Machtwünschen
  Rußlands  zu  haben,  deren  Anerkennung  und  Befriedigung
das  Reich  allmählich  in  ein  Verhältnis  der  Abhängigkceit,  ja  der  Dienstbarkeit
  gebracht  haben  würde.  Die  Haltung  Österreichs  im  Krimkricge
und  die  alte,  durch  die  Verdrängung  der  Donaumonarchic  aus  Deutschland
  und  Stalien  neuerdings  noch  verstärkte  Rivalität  in  der  Frage
des  Einflusses  auf  dem  Balkan  gab  BRußland  eine  feindselige  Richtung
  gegen  Österreich;  und  davon  ging  seit  1876  einc  fortschreitende
Trübung  des  Verhältnisses  zwischen  Deutschland  und  Rußland  aus.
Bismarck  war  von  der  Aberzeugung  durchdrungen,  daß  ein  starkes
ÖOsterreich-Ungarn  auch  für  ODeutschland,  der  wachsenden  russischen
Macht  gegenüber,  eine  Lebensnotwendigkeit  sei.  Man  weiß  aus  seinen
„Gedanken  und  Erinnerungen“,  wie  er  1876  dem  russischen  Plan  eines
Vernichtungskrieges  gegen  Österreich  entgegengetreten  ist,  wie  dann  darauf
  dic  russische  Regierung  sich  mit  der  österreichischen  verständigte  und
das  Gewitter  sich  von  den  Karpathen  nach  dem  Balkan  verzog.  Aber
auch  auf  dem  Berliner  Kongreß  hat  Bismarck  nicht  so  gehandelt,  wie
die  russischen  Freunde  es  glaubten  erwarten  zu  dürfen.  Bismarck  vergleicht
  Rußland  mit  einer  anspruchsvollen  Dame,  die  von  ihrem  Verehrer
  verlangt,  daß  er  ihre  unausgesprochenen  Wünsche  errate  und  erfülle.
  Was  Rußland  erwartete,  war,  daß  Deutschland  das  Gewicht
seiner  Antorität  mit  Nachdruck  für  die  russischen  Ansprüche  in  die  Wagschale
  werfen  sollte,  um  ihm  eine  Vorherrschaft  auf  der  Balkanhalbinsel
zu  verschaffen,  die  seine  Macht  auf  eine  sehr  gefährliche  Weise  gesteigert
haben  würde,  während  Deutschland  selbst  dadurch  in  eine  sehr  schicfe
Lagc  zu  den  anderen  Alächten  geraten  wärc.  Bismarck  beguügte  sich
bekanntlich  mit  der  Rolle  des  ehrlichen  Maklers  und  ließ  es  geschehen,
daß  durch  den  Widerspruch  Englands  die  Ausführung  des  Friedens
von  San  Stefano  verhindert  und  seine  Revision  zugunsten  der  Türkei
durchgesetzt  wurde.  RNußland  war  abermals,  wie  im  Krimkrieg,  in  seiner
Siegeslaufbahn  gegen  die  Türkei  aufgehalten  worden.  Sein  Gegensatz
zu  England,  der  in  gewissem  Sinne  die  Achse  der  Weltpolitik  im
19.  Jahrhundert  gewesen  ist,  wie  im  18.  Jahrhundert  der  Gegensatz  zwischen
  Frankreich  und  England,  gewann  eine  gefährliche  Schärfe  und
dußerte  sich  in  dem  Vordringen  Rußlands  in  Asien  in  der  Nichtung
auf  die  Grenzen  Indiens.  Aber  zugleich  hatte  anuch  die  Frcundschaft
zwischen  Rußland  und  Deutschland  einen  Riß  erhalten,  der  sich  wohl
vorübergehend  verkleben,  aber  nicht  von  Grund  aus  heilen  ließ.  Bis-