Full text: Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Zweiter Band. (2)

488 Aus den Betrachtungen zur Kriegslage 
13. November 1914. Nr. 538 (Abendblatt). 
Die Russen drängen gegen die ma surische Seenplatte vor, was vorläufig 
von sekundärer Bedeutung bleibt. Iwischen Warta und San finden fortgeseyt 
Verührungen der Kavalleriespihen statt. Zweifellos marschiert hinter der russischen 
Kavallerie das ganze Heer in der Entwicklung begriffen und die Flügel der Ver- 
bündeten nördlich des Wartaknies und auf deren rechter Flanke südlich des San 
abtastend. Kommt es auf dieser weitgespannten Front zu einer 
Gegenoffensive der Verbündeten, so bricht sie wie der Blig aus 
dem Gewölk. 
15. November 1914. Nr. 540 (Sonntagsausgabe vom Samstag). 
Von Ppern melden die Franzosen, daß sie sich im allgemeinen nordöstlich 
und südöstlich dieses Schlüsselpunktes hielten. Die Franzosen halten in jedem Fall 
die Bpernzugänge noch in der Hand. Ppern selbst, mit Drahtverhauen umgeben 
und beinahe Haus für Haus mit Maschinengewehren gespickt, hat als Schlüsselpunkt 
der ganzen Pserstellung kapitale Bedeutung, und es ist nicht wahrscheinlich, daß 
die VBerteidigung unter Artilleriefeuer, ohne Ansetzen des Bajonettsturmes, der in 
diesem Krieg so große Bedentung gewonnen hat, zusammenbricht. 
Vom russischen Kriegsschauplag melden die Deutschen zum erstenmal 
Kämpfe an der oslpreußischen Grenze in einer Form, die auf eine weiter greifende 
Kriegshandlung schließen läßt. Es ist möglich, daß ihre Defensive sich an den 
masurischen Seen geseot und eine Gegenoffensive vorbereitet hat, die in diesem 
Gelände auch stärkere Massen zu binden vermag. Ob die russische Vorwärts- 
bewegung hier für längere Zeit zum Stehen gebracht werden kanm, ist eine andere 
Frage. Die weit wichtigere Frage, wie es hinter der Warta und am Dunajec 
steht, bleibt noch ungelöst. Wir weisen nur noch einmal darauf hin, daß die noch 
unbekannte Zentralstellung der Deutschen und Osterreicher immerhin in ihren End- 
punkten fixiert ist, d. h. von den Festungen Thorn, Dosen, Kra kau den stärksten 
Halt empfängt, ähnlich wie dies anfangs September für die Franzosen zwischen 
Poris und Verdun—Toul und für die Russen Mitte Oktober an der Weichsel 
zwischen Warschau und Iwangorod der Fall war. Ausschlaggebend ist aller- 
dings noch die Sicherung der rechten Flanke des in Galizien auf den Dunasec 
zurückgegangenen österreichischen Heeres, das hier bei Neu-Sandec die Karpatben. 
lücke deckt, worüber noch nichts bekannt geworden ist. 
16. November 1914. Nr. 342 (Abendblatt). 
Seit die deutsch österreichischen Armeen im Osten an der Weichsel der 
Entscheidung ausgewichen sind, ist genügend Zeit vergangen, um die russische 
Offensive als nach Südwesten gerichtet klarzustellen. Offenbar wollte die russische 
Heeresleitung sich damit zugleich zwischen die Verbündeten einschieben. Daß sie 
sich damit in Gefahr begab, muß sie sich selbst gesagt haben. Es fragt sich, ob 
gegen diese Gefahr von russischer Seite genügend vorgesorgt ist. Wir können bei 
unserer Betrachtung der Lage, wie sie sich jest abzeichnet, von dem in unserem 
Bericht vom Freitag gebrauchten Bild ausgehen, daß die Gegenoffensive der 
Verbündeten, falls es zu einer solchen komme, wie der Blitz aus dem Gewölk 
brechen werde.