Full text: Geschichte des deutschen Volkes.

284 Die weltlage. §§ 435—435. 
die Krone niederlegte und, durch den Zweifel an allem zum Glauben an die 
unbedingte Autorität schreitend, in Innsbruck öffentlich zur katholischen 
Kirche übertrat (1 1689 in Rom). Aber das volle schwedische Ubergewicht 
erneuete, wie wir unten sehen werden, ihr Nachfolger Karl X. Gustav 
1654—1660, ein Vetter Christinas, ein deutscher Prinz aus dem Hause 
Pfalz-Zweibrücken (§ 248 Anm.). Wie Frankreich, mit dem es meist ver- 
bündet war, suchte auch diese protestantische Macht jedes neue Aufleben deutscher 
Kraft und Selbständigkeit zu dämpfen. Die (protestantischen) Seemächte, 
Holland und England, hatten teils mit sich selbst zu thun — es fällt 
in diesen Zeitraum die englische Revolution — teils waren sie gegen das 
ohnmächtig gewordene Deutschland, welches ihnen nichts nützen konnte, wenig 
wohlwollend gesinnt. Erst allmählich treten sie mit den deutschen Staaten 
gegen die drohende Ubermacht Frankreichs in Bündnisse, und erst im fol- 
genden Jahrhundert gelingt durch den spanischen Erbfolgekrieg der gemein- 
same Sieg und die Niederwerfung der französischen Vorherrschaft zu der- 
selben Zeit, wo auch Schwedens Macht durch den nordischen Krieg ge- 
brochen wird. 
* 434. Osterreich war aus dem westfälischen Frieden zwar überwunden 
und geschwächt, aber doch nicht vernichtet und ohnmächtig hervorgegangen. In 
Deutschland behielt es den vorwaltenden Einfluß, sowohl durch seine Länder- 
masse als auch durch die gleichsam zum Recht gewordene Gewohnheit, daß 
der Herrscher Osterreichs auch zugleich der Kaiser war. Im Innern seines 
Reiches war die absolute Monarchie nicht minder befestigt als in Frankreich, 
seit durch den 30 jährigen Krieg zugleich mit dem Protestantismus auch die 
ständischen Rechte des Adels in Osterreich und Böhmen niedergeworfen waren. 
Die religiöse Einheit im Katholizismus, auch schon die militärische des Heer- 
wesens hatte die fehlende nationale Einheit zu ersetzen. Die Regierungs- 
grundsätze Ferdinands II. blieben deshalb auch die seiner nächsten Nachfolger, 
Ferdin ands III., 1637—1657, und Leopolds I., 1657 (Keiser seit 1658) 
bis 1705, welcher letztere, langsam, begeisterungslos, jesuitisch erzogen und 
gesinnt wie er war, eine lange Regierungszeit ohne Heil für das Reich ge- 
herrscht hat, trotz des glänzenden Ruhmes, den einzelne seiner Feldherren 
erwarben. Noch immer war Österreich in seinen äußeren Unternehmungen 
meist mit Spanien verbunden. Nur war aus dieser vordem angreifenden 
Doppelmacht jetzt eine nur noch abwehrende geworden. Frankreichs und 
Ludwigs XIV. Ehrgeiz bedrohte nämlich in gleicher Weise die spanischen 
Niederlande (das heutige Belgien), das den Habsburgern engbefreundete 
lothringische Land und Herzogshaus (§ 251) und durch das deutsche Reich 
längs des ganzen Oberrheines, den Osterreich durch seine Kaiserstellung zu 
schützen verpflichtet war und an den damals noch seine vorderen Lande 
280), besonders der Breisgau mit dem festen Freiburg, stießen. Aber 
in beiden verwandten Reichen und Herrscherhäusern zeigten sich die Spuren 
des Verfalls, sowohl in der Unbedeutendheit der Herrscher als in der zu- 
nehmenden geistigen Verdumpfung der Völker. 
*435. Das deutsche Reich war seit dem westfälischen Frieden nicht nur 
jedem Angriff blosgestellt, sondern in seinem eigenen Innern boten sich einem 
schlauen Angreifer die Mittel dar, es zu bekämpsen. Schon bei der Wahl 
Leopolds erschöpfte sich Ludwig XIV. in Ränken und Bestechungen, um dem 
Kurfürsten von Bayern, von dem er sich eine Art W— verspre 
durfte, die Kaiserwürde zuzuwenden. Eine Reihe deutscher Fürsten, die da- 
mals mit Frankreich den rheinischen Bund geschlossen, boten ihm als