286 Die Ranubkriege Lubwigs XIV. 89 457—138.
" n 437. Durch die Réunionskammern verstand es dann Ludwig XIV.
den Raubkrieg auch im Frieden fortzusetzen, indem diese Gerichtshöfe, die man
zu Tournay, Besangon, Metz und Breisach einrichtete, entscheiden sollten,
welches Gebiet jemals zu den in den letzten Friedensschlüssen abgetretenen
Ländern gehört hätte, damit dasselbe, als nun zu Frankreich gehörend, ein-
gezogen werde. So wurden mitten im Frieden einzelne Landschaften und
Städte (z. B. Vaudemont, Saarlouis, Saarbrücken, Mömpelgard, Luxem-
burg) und eine Menge von Dörfern, Schlössern, Höfen, Mühlen von Frank-
reich in Besitz genommen. Das deutsche Reich, ohne Zusammenhang, ohne
Kraft und Lust sich zu bewegen, hatte nur ohnmächtige Protestation dagegen.
Ja, während so Deutschlands Grenzen schamlos beraubt wurden, stritten die
kurfürstlichen und fürstlichen Abgesandten zu Regensburg auf dem Reichstage,
ob erstere auf purpurnem, letztere auf grünem Sammet sitzen sollten, wer mit
goldenen Messern und Gabeln und wer nur mit silbernen speisen sollte. Ver-
gebens mahnten die Stimmen vaterlandsliebender Dichter:
Nun ist es Zeit zu wachen,
eh Deutschlands Ehre stirbt
Und in dem weiten Rachen
des Krokodils verdirbt;
Herbei, daß man die Kröten,
die unsern Nhein betreten,
Mit aller Macht zurücke
zur Saon' und Seine schicke!“)
Niemand rührte sich. Endlich setzte Ludwig XIV. seinen Räubereien die
Krone auf, indem er mitten im Frieden, durch den Verrat des Bischofs
Egon von Fürstenberg unterstützt, die alte herrliche Reichsstadt Straß-
burg dem deutschen Reiche entriß (1681). Vergebens mahnte seitdem der
Dom, das Meisterwerk altdeutscher Baukunst, gleichsam trauernd über den
Rhein herüber; auch vieser Schlag weckte das tote Reich nicht auf. Zurletzt
schloß es einen 20jährigen Waffenstillstand, ohne daß Krieg gewesen, ließ
dem König so lange allen Raub und erlangte dafür einige Jahre Schonung.
Zu gleicher Zeit bedrohte Dänemark, welches seit 1667 auch Oldenburg
unmittelbar regierte (§ 254 Anm.), auf Ludwig XIV. sich verlassend, Hol-
stein und Hamburg mit Annexion, 1686, bis auch hier der große ürst
im Bunde mit Schweden und den braunschweigischen Herzögen diesem Stre-
ben ein Ziel setzte.
* 438. Schon 1688 aber erneuerte Ludwig XIV. den Krieg, indem er
nach dem Aussterben des Hauses Pfalz-Simmern (5 248 Anm.) bedeutende
Teile dieses Landes für seinen Bruder, den Herzog von Orléans, verlangte,
der mit Elisabeth Charlotte, der Schwester des kinderlosen Kurfürsten, ver-
mählt war, ungeachtet diese bei ihrer Verheiratung ausdrücklich auf die
Erbfolge verzichtet hatte. Außerdem wünschte Ludwig auch den Bruder
des Verräters von Straßburg, Wilhelm von Fürstenberg, in das er-
ledigte Erzbistum Köln einzusetzen. Aber seit 1689 saß der Oranter Wil-
ne III. auf dem englischen Königsthron, den er an der Spitze von deut-
chen Truppen dem letzten Stuart, seinem Schwiegervater Jakob II., ent-
rissen hatte, und schon 1686 hatte auch der Kaiser und die meisten deutschen
Fürsten sich zur Wehr gegen französische Ubergriffe im großen Augsbur-
ger Bunde vereinigt. Dieser trat jetzt zur Verteidigung der deutschen
Landesgrenze ein. Da kam man am Hofe Ludwigs XIV., des „allerchrist-
*) Hans Aßmann von Abschatz.