Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6a. (6a)

262 Polnische Emlgration. Alexanders II. Anerbietungen für den Kriegsfall. 
würde es auch nicht für unmöglich halten, daß auch sehr bochstehende Personen aus ver- 
wandtschaftlichen Rücksichten eine derartige Vermittlerrolle am rufsischen Hofe übernehmen. 
In Bejug auf die Polen will ich hierbei vertraulich bemerken, daß einige reichere Wit- 
glieder der polnischen Aristokratie des Großherzogtums allerdings in neuerer Seit ange- 
fangen haben, sich den preußischen Kreisen sozial zu nähern. Graf Bninski, Mitglied des 
Herrenhaufes, hat mir als Motiv dazu den Umstand angegeben, daß die Kluft zwischen der 
polnischen Aristokratie und Demokratie jetzt solche Dimensionen angenommen habe, daß 
erstere sich von der letzteren trennen müßte, wenn sie nicht debordiert werden wolle, und da- 
ber in der Lage wäre, sich um Schutz für die Folge umzusehen. Allerdings sind solche An- 
schauungen selten, und zu den begüterten Polen, die ebenso wie Graf Bninski denken, sind 
bis jetzt nur wenige zu zählen, wie Morawski, AMncielski, Kwilecki. Auch gebt diese An- 
näherung nicht über das soziale Gebiet hinaus. Bei den großen materiellen nteressen, 
welche diese Herren vermöge ihrer bedeutenden Begüterung baben, finde ich ihren Wunsch, 
lich zu ralliieren, sehr erklärlich, und solange keine Symptome der Unehrlichkeit vorliegen, 
ist für die Königliche Regierung auch keine Veranlassung vorhanden, dieser Annäherung 
Hindernisse in den Weg zu legen. 
*1064. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[(Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Theremin.] 
In einem Berichte vom 5. Februar hatte Drinz AReuß bedeutungsvolle Außerungen Kaiser 
Alexanders II. gemeldet. Der Kaiser war danach sehr beunruhigt durch die neuerliche Haltung 
Ö-terreichs in der orientalischen Srage, die auf eine militärische Intervention in Bosnien und 
der Heriegowina abzusielen scheine. Eine golche aber erklärte Alexander II. nicht dulden zu 
können. Er sagte in diesem Jusammenhange nach Drinz Reuß wörtlich: „Hoffen wir, daß das 
nicht eintreten wird, hoffen wir auch, daß Srankreich Deutschland nicht angreifen wird. Sollten 
aber wider Erwarten beide Sälle eintreten, so kann der König ebenso auf mich rechnen, um 
Osterreich lahmzulegen, wie ich seine Hilfe in Anspruch nehmen würde. Die Aufstellung einer 
rmee an der österreichischen Grenze würde in einem wie im anderen Salle genügen, um diesen 
ZSweck zu erreichen. Es sind dies Eventualitäten, die, wie gesagt, nicht eintreten werden, die 
man aber immer ins Auge len kann.“ Drinz Reuß wurde durch diese Außerungen des Kaisers 
derart frappiert, daß er, ohne auf sie einzugeben, lich begnügte, ihm für seine „echt verwondt- 
schaftlichen und freundschaftlichen Gesinnungen“ gegen Wilhelm I. u danken. Bgl. dazu 
azboff, Die Anfänge des Dreikaisferbundes, Preußische Jahrbücher 168, 292 f. und 
G. Michael, Dismarck, Curopa und England 1866—1 870, S. 166 ff. - 
Ganz vertraulich. Berlin, den 16. Februar 1868. 
Ew. pp. politische Berichte sind mir bis einschließlich NMr. 23 richtig zugegangen. 
Wir baben daraus mit großer Befriedigung die Aufnahme erseben, welche die von 
Ihnen infolge meines Erlasses vom 31. v. M.“. dort gemachten Mitteilungen sowohl bei dem 
Kaiser als bei dem Sürsten GSortschakow gefunden haben. 
Die Außerungen des Kaisers über die möglichen Eventualitäten für eintretende euro- 
pöische Verwickelungen, durch welche Ew. pp. frappiert worden sind, haben bei mir nicht 
denselben Eindruck bervorgerufen. Ich würde an Ew. Durchlaucht Stelle sofort darauf 
geantwortet haben, wie Sie nicht zweifelten, daß die Gesinnungen des Kaisers vollständig 
von Seiner Wc#jestät dem Könige geteilt würden. Sollten Ew. pp. in die Lage versetzt 
1 Slee Nr. 1033.