Full text : Die deutsche Volkswirtschaft im Kriege.

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  9.—11.)  101

welche  willens  waren,  für  die  Vorlage  zu  stimmen  und  somit  auch  ihrerseits
das  gegenüber  der  katholischen  Kirche  beabsichtigte  Entgegenkommen  zu  bethätigen,
  schließlich  sich  ablehnend  verhielten:  denn  mit  einer  solchergestalt
angenommenen  Vorlage,  welche  die  Zentrumspartei  als  mit  dem  Recht  und
den  Interessen  der  katholischen  Kirche  im  Widerspruch  stehend  bezeichnet  hat
und  welcher  die  Zustimmung  des  Zentrums  fehlte,  wäre  bei  dem  Einfluß
der  Partei  in  der  katholischen  Bevölkerung  der  friedliche  Zweck  der  Vorlage
schwerlich  erreicht  worden.

Die  Staatsregierung  ist  sich  nach  wie  vor  bewußt,  das  Gute  auf  dem
einzig  möglichen  Wege  gewollt  zu  haben.  Wenn  sie  an  der  Erreichung  dieses
Zieles  verhindert  wurde,  so  darf  man  die  Ursache  hiervon  in  dem  Nachhall
der  Stimmung  erblicken,  welche  die  früher  zwischen  dem  Staate  und  der
katholischen  Kirche  vorhandenen  Differenzen  auf  katholischer  Seite  hervorgerufen
  hatten  und  welche  bei  der  Partei  noch  nicht  gänzlich  beseitigt  zu  sein
scheint.  Gleichwohl  darf  die  Hoffnung  ausgesprochen  werden,  daß  dieser
Zwischenfall  die  bestehenden  friedlichen  Verhältnisse  in  keiner  Weise  beeinträchtigen
  werde.  Bei  allseitigem  guten  Willen  wird  es  zu  erreichen  sein,
daß  die  früheren  Stimmungen,  aus  denen  heraus  von  Zeit  zu  Zeit  noch
hier  und  da  Versuche  der  Verschärfung  der  Gegensätze  gemacht  werden,  sich
allmählich  verlieren.

9.  u.  10.  Juni.  Nachdem  Abg.  Virchow  die  Legalität  der
Wahl  des  Dreizehnerausschusses  angefochten,  hält  das  Zentralkomitee
  der  freisinnigen  Partei  unter  dem  Vorsitz  Stauffenbergs
  Sitzungen,  um  die  innerhalb  der  Partei  ausgebrochenen  Zwistigkeiten
  beizulegen.  Es  wird  beschlossen:

Die  Mitglieder  des  Dreizehner-Ausschusses  zu  ersuchen,  eine  anderweitige
  Konstituierung  vorzunehmen  und  unter  der  Voraussetzung  der  Wiederwahl
  von  Birchow  und  Bamberger  im  engeren  Ausschusse  die  Wahl  des
Abg.  Richter  zum  Vorsitzenden  und  des  Abg.  Schrader  zum  Stellvertreter
herbeizuführen.  Der  Vorsitzende  und  der  Stellvertreter  im  Ausschusse  sollen
*  befugt  sein,  die  Ausschüsse  zu  berufen  und  abwechselnd  den  Vorsitz
zu  führen.

10.  Juni.  Der  „Daily  Telegraph“  berichtet  über  ein  Interview
  des  Fürsten  Bismarck  durch  Herrn  Kingston.

Der  Fürst  erklärt,  ihm  habe  es  fern  gelegen,  den  Staatssozialismus
in  Deutschland  zur  Geltung  zu  bringen.  Er  habe  nur  für  die  kranken  oder
verunglückten  Arbeiter  sorgen  wollen.  Der  Gedanke,  durch  gesetzliche  Maßnahmen
  die  Arbeiter  zu  zufriedenen  Menschen  machen  zu  wollen,  sei  ein
Hirngespinst.

Ueber  die  auswärtige  Lage  äußert  er,  der  Kaiser  sei  ebenso  friedlich
gesinnt  wie  er  selbst;  doch  sei  es  unmöglich,  Frankreich  durch  eine  Konzession,
  Landabtretung  entgegenzukommen;  sie  würde  die  Franzosen  nur  zu
größeren  Ansprüchen  veranlassen.  In  Rußland  sei  das  Volk,  und  besonders
der  Kaiser  durchaus  friedliebend.  Der  Dreibund  sichere  den  Fortbestand  des
Friedens  voraussichtlich  für  lange  Zeit.  Zwischen  Deutschland  und  England
würde  auch  die  augenblickliche  Rivalität  in  Afrika  sicherlich  nicht  zu  ernstlichen
  Differenzen  führen.

11.  Juni.  (Reichstag.)  Auf  die  Interpellation  des
Abg.  Richter: