Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

420  Beuisches  Reich.  (April  18.—19.)

Entschluß  der  deutschen  Arbeiterklasse,  das  Deutsche  Reich  aus  diesem  Krieg
als  ein  freies  Staatswesen  hervorgehen  zu  lassen.  Wir  fordern  die  sofortige
Beseitigung  aller  Ungleichheiten  der  Staatsbürgerrechte  in  Reich,  Staat
und  Gemeinde,  sowie  die  Beseitigung  jeder  Art  bürokratischen  Regiments
und  seine  Ersetzung  durch  den  entscheidenden  Einfluß  der  Volksvertretung.
Mit  Entschiedenheit  verwerfen  wir  die  von  den  feindlichen  Regierungen
verbreitete  Zumutung,  daß  die  Fortführung  des  Krieges  nötig  sei,  um
Deutschland  zu  freiheitlichen  Staatseinrichtungen  zu  zwingen.  Es  ist  Aufgabe
  des  deutschen  Volkes  allein,  seine  inneren  Einrichtungen  nach  seinen
Ueberzeugungen  zu  entwickeln.  Wir  begrüßen  mit  leidenschaftlicher
Anteilnahme  den  Sieg  der  russischen  Revolution  und  das  durch
ihn  entfachte  Wiederaufleben  der  internationalen  Friedensbestrebungen.  Wir
erklären  unser  Einverständnis  mit  dem  Kongreßbeschluß  des  russischen  Arbeiter-
  und  Soldatenrats,  einen  gemeinsamen  Frieden  vorzubereiten,
ohne  Annexionen  und  Kriegsentschädigungen  auf  der  Grundlage
einer  freien  nationalen  Entwicklung  aller  VBölker  (s.  Rußland,
11.  April).  Wir  betrachten  es  daher  als  die  wichtigste  Pflicht  der  soz.  Partei
Deutschlands  wie  der  Sozialisten  aller  anderen  Länder,  die  Machtträume
eines  ehrgeizigen  Chauvinismus  zu  bekämpfen,  die  Regierungen  zum  klaren
Verzicht  auf  jegliche  Eroberungspolitik  zu  drängen  und  so  rasch  wie  möglich
  entscheidende  Friedensverhandlungen  auf  dieser  Grundlage  herbeizuführen.
  Kein  Volk  darf  durch  den  Friedensschluß  in  eine  demütigende  und
unerträgliche  Lage  gedrängt  werden,  sondern  jedem  muß  die  Möglichkeit
gegeben  sein,  durch  freiwilligen  Beitritt  zu  einer  überstaatlichen  Organisation
  und  Anerkennung  einer  obligatorischen  Schiedsgerichtsbarkeit  den
dauernden  Bestand  des  künftigen  Weltfriedens  sichern  zu  helfen.

Ueber  die  Ernährungsfrage  wird  folgende  Resolution  einstimmig
angenommen:  Die  Schwierigkeiten  der  Volksernährung  konnten  ihren  jebigen
Höhegrad  nur  erreichen,  weil  die  Vorschläge  der  Arbeitervertreter  im  Ernährungsbeirat
  und  die  Forderungen  der  Sozialdemokratie  nicht  die  nötige
Beachtung  gefunden  haben.  Pflicht  der  Reichsregierung  ist  es  nunmehr,
mit  fester  Entschlossenheit  die  Beschlagnahme  aller  bei  den  angeordneten
Revisionen  im  Lande  ermittelten  überschüssigen  Nahrungsmittel  durchzuführen,
  jede  Begünstigung  der  zahlungsfähigen  Volksteile,  den  Wucher  und
den  Schleichhandel  rücksichtslos  zu  unterbinden,  die  Ersatzlebensmittel  für
die  Herabsetzung  der  Brotration  sofort  und  regelmäßig  zu  liefern.

Für  die  Vorstände  der  deutschen  Sozialdemokratie  in  Oesterreich
  und  der  ungarländischen  Sozialdemokratie  erklärt  Dr.  Viktor
Adler,  daß  sie  sich  selbstverständlich  nicht  in  die  inneren  Angelegenheiten
Deutschlands  einmischen  wollen,  daß  sie  aber,  soweit  es  sich  um  die  Friedenskundgebung
  handelt,  im  Namen  der  von  ihnen  vertretenen  Parteien
dem  vorstehenden  Beschluß,  mit  dem  sie  Wort  für  Wort  einverstanden  sind,
sich  einmütig  anschließen.

Im  Anschluß  an  diese  Kundgebung  schreibt  die  „Internat.  Korr."“
u.  a.:  In  dem  gegenwärtigen  Augenblick  ist  es  von  unendlich  großer  Bedeutung
  geworden,  daß  die  Friedenszielumschreibungen  von  unserer  Seite
ganz  eindeutig,  ganz  klar  und  ganz  einwandfrei  werden.  So  gut  gemeint
und  erfreulich  daher  die  Auslassungen  der  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  (s.  S.  406  f.)
und  des  „Wiener  Korrespondenzbüros“  (s.  Oesterr.-Ung.,  14.  April)  sind,  so
wenig  können  sie  uns  genügen.  Wir  müssen  jetzt  darauf  bestehen,  daß  unsere
Regierung  auch  die  Formel  der  russischen  Arbeiterklasse  annimmt  und
sich  ausdrücklich  zu  einem  Frieden  ohne  Eroberungen  und  Entschädigungen
  grundsätzlich  bereit  erklärt.  Liegt  diese  Zusage  von
Deutschland  vor,  so  bleibt  es  den  übrigen  Ententeregierungen  überlassen,