Das Hinneigen zu einem falschen Liberalismus, nicht aus Ueberzeugung,
sondern aus Berechnung, sei der eigentliche Grundfehler der
hinter uns liegenden Zeit gewesen. Daß der Kanzler ihn fortdauernd
begangen habe, und zwar so, daß ein christlich-konservativer Geist nicht
recht zur Geltung kommen konnte, ja sogar, wo er zum Durchbruch
kam, geschwächt wurde, erkläre sich nicht allein aus seiner politischen
Mission, welche ihm gebot, alle vorhandenen Kräfte zur Schaffung
der deutschen Reichseinheit zusammenzufassen, sondern aus Einseitigkeit
seiner Anschauung. Das Verständnis für die kirchliche, soziale
Welt habe sich ihm je länger, je mehr verschlossen.
Von der Geschäftigkeit Laskers entwarf bei seinem Tode (1884)
sein Freund Otto Elben im Schwäbischen Merkur das folgende Bild:
„Ausgangs März 1870 wohnte ich erstmals als Zuhörer den
Verhandlungen des norddeutschen Reichstages an. Unter den vielen
interessanten Persönlichkeiten dieser Versammlung fiel bald die kleine
Gestalt mit dem ausdrucksvollem Gesicht, den schönen schwarzen Augen
auf. Alles drängte sich da unten um Eduard Lasker, Abgeordnete
aller Parteien hatten mit ihm zu verhandeln, rührig, hastig bewegte
sich der kleine Mann in dem schönen Saale des Herrenhauses; auch
eine kleine Rede von ihm hörte ich. Er war auf der Höbhe seines
Einflusses, seines Ruhms, die er vollauf die nächsten Jahre behauptete.
Am folgenden Tage führte mich ein Freund zu ihm. Köthenerstraße
3, 3 Treppen, war damals und noch lange seine bescheidene
Wohnung; ein behagliches kleines Studierzimmer, dessen Wände die
stattliche Bibliothek einnahmen, das Schlafzimmer und ein Empfangszimmer,
das bei aller Einfachheit doch mit gutem Geschmack ausgestattet
war. Der bedürfnislose Junggeselle ist er zeitlebens geblieben,
Lasker kannte einen gewissen Aufwand nur in zwei Dingen: für seine
reiche Bibliothek und im Sommer für eine Erholungsreise. Aber auch
da ging es sehr einfach zu; man muß den rüstigen Alpensteiger einmal
in seinem Gebiete getroffen haben, wie wir 1874 in Andermatt,
von wo er eben zu Fuß mit dem Alpenstock mit einem Freunde —
es war der Abgeordnete Rückert, der Sohn des Dichters — die Gotthardstraße
hinab und ins Moderauer Thal pilgerten, um zu begreifen,
wie anspruchslos auch dieser, sein größter Luxus war.
Bald sollten wir uns näher kennen lernen, Mitte September 1870
kamen Lasker, Bennigsen und Forckenbeck nach Stuttgart, um die
Stimmung zu erforschen, für den unbedingten Anschluß Stimmung
zu erwecken. Es war damals, daß bei einem den Gästen gegebenen
Feste das Wort ausgesprochen worden: es möchten die anwesenden