Full text : Haupt-Sachverzeichnis zum Bundes- und Reichs-Gesetzblatte von 1867 bis 1916. (50a)

Das  Hinneigen  zu  einem  falschen  Liberalismus,  nicht  aus  Ueberzeugung,
  sondern  aus  Berechnung,  sei  der  eigentliche  Grundfehler  der
hinter  uns  liegenden  Zeit  gewesen.  Daß  der  Kanzler  ihn  fortdauernd
begangen  habe,  und  zwar  so,  daß  ein  christlich-konservativer  Geist  nicht
recht  zur  Geltung  kommen  konnte,  ja  sogar,  wo  er  zum  Durchbruch
kam,  geschwächt  wurde,  erkläre  sich  nicht  allein  aus  seiner  politischen
Mission,  welche  ihm  gebot,  alle  vorhandenen  Kräfte  zur  Schaffung
der  deutschen  Reichseinheit  zusammenzufassen,  sondern  aus  Einseitigkeit
  seiner  Anschauung.  Das  Verständnis  für  die  kirchliche,  soziale
Welt  habe  sich  ihm  je  länger,  je  mehr  verschlossen.

Von  der  Geschäftigkeit  Laskers  entwarf  bei  seinem  Tode  (1884)
sein  Freund  Otto  Elben  im  Schwäbischen  Merkur  das  folgende  Bild:

„Ausgangs  März  1870  wohnte  ich  erstmals  als  Zuhörer  den
Verhandlungen  des  norddeutschen  Reichstages  an.  Unter  den  vielen
interessanten  Persönlichkeiten  dieser  Versammlung  fiel  bald  die  kleine
Gestalt  mit  dem  ausdrucksvollem  Gesicht,  den  schönen  schwarzen  Augen
auf.  Alles  drängte  sich  da  unten  um  Eduard  Lasker,  Abgeordnete
aller  Parteien  hatten  mit  ihm  zu  verhandeln,  rührig,  hastig  bewegte
sich  der  kleine  Mann  in  dem  schönen  Saale  des  Herrenhauses;  auch
eine  kleine  Rede  von  ihm  hörte  ich.  Er  war  auf  der  Höbhe  seines
Einflusses,  seines  Ruhms,  die  er  vollauf  die  nächsten  Jahre  behauptete.
  Am  folgenden  Tage  führte  mich  ein  Freund  zu  ihm.  Köthenerstraße
  3,  3  Treppen,  war  damals  und  noch  lange  seine  bescheidene
Wohnung;  ein  behagliches  kleines  Studierzimmer,  dessen  Wände  die
stattliche  Bibliothek  einnahmen,  das  Schlafzimmer  und  ein  Empfangszimmer,
  das  bei  aller  Einfachheit  doch  mit  gutem  Geschmack  ausgestattet
  war.  Der  bedürfnislose  Junggeselle  ist  er  zeitlebens  geblieben,
Lasker  kannte  einen  gewissen  Aufwand  nur  in  zwei  Dingen:  für  seine
reiche  Bibliothek  und  im  Sommer  für  eine  Erholungsreise.  Aber  auch
da  ging  es  sehr  einfach  zu;  man  muß  den  rüstigen  Alpensteiger  einmal
  in  seinem  Gebiete  getroffen  haben,  wie  wir  1874  in  Andermatt,
von  wo  er  eben  zu  Fuß  mit  dem  Alpenstock  mit  einem  Freunde  —
es  war  der  Abgeordnete  Rückert,  der  Sohn  des  Dichters  —  die  Gotthardstraße
  hinab  und  ins  Moderauer  Thal  pilgerten,  um  zu  begreifen,
wie  anspruchslos  auch  dieser,  sein  größter  Luxus  war.

Bald  sollten  wir  uns  näher  kennen  lernen,  Mitte  September  1870
kamen  Lasker,  Bennigsen  und  Forckenbeck  nach  Stuttgart,  um  die
Stimmung  zu  erforschen,  für  den  unbedingten  Anschluß  Stimmung
zu  erwecken.  Es  war  damals,  daß  bei  einem  den  Gästen  gegebenen
Feste  das  Wort  ausgesprochen  worden:  es  möchten  die  anwesenden