Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunter Jahrgang. 1893. (34)

Das  Fenische  Reith  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  21.)  97

ich  eine  Abdikation.  Wie  kam  der  Reichstag  dazu?  Ich  darf  wohl  behaupten:
  infolge  der  Parteiungen.

Die  Fraktionen  stellten  ihre  Interessen  in  den  Vordergrund  und  verzichteten
  auf  eine  Prüfung  der  Reichsinteressen  gegenüber  den  Parteiünteressen,
  jede  in  der  Furcht,  daß  eine  andere  Fraktion  ihr  den  Rang  ablaufen
könne.  Es  wurde  von  ministerieller  Seite  nach  dem  Grundsatze  divide  et
impera  verfahren,  und  das  Gewicht,  welches  der  Reichstag  in  die  Wagschale
  hätte  einsetzen  können,  zerbröckelt,  nullifiziert,  so  daß  der  Reichstag
einer  großen  und  entscheidenden  Maßregel  ohne  Prüfung  zustimmte  und
dies  nach  Maßgabe  der  Frist  der  Verhandlung  offen  erkennbar  machte.
Jede  Fraktion  hatte  dieselben  Befürchtungen,  und  wenn  ich  daran  denke,
so  erinnere  ich  mich  an  eine  Scene  aus  Schillers  Wallenstein:  „Willst  du's
nicht,  so  thut's  der  Pestaluzz“.  Davor  ängstigte  sich  jede  Fraktion  und
sagte:  Ich  bin  ja  ganz  bereit.  So  kam  es,  daß  das  Gewicht  des  Parlamentarismus
  aufgehoben  wurde.  Nun,  das  Vakuum,  welches  die  parlamentarischen
  Einflüsse  bei  uns  lassen,  wenn  sie  sich  nicht  genügend  geltend
machen,  wird  ja  nicht  von  dem  Monarchen,  dem  Könige,  eingenommen,
sondern  thatsächlich  von  der  Büreaukratie,  der  Beamtenhierarchie.  Sie  füllt
das  Leere  aus,  die  Büreaukratie,  die  nicht  zu  verwechseln  ist  mit  dem  Monarchismus,
  dieselbe  Büreaukratie,  die  1806  und  1807  dem  franzöfischen
Siegeszuge  die  Wege  ebnete  und  die  1848  den  Barrikaden  gegenüber  haltlos
zusammenbrach  Kein  Oberpräsident  war  damals  da,  der  nicht  abwartete,
was  aus  der  Revolution  in  Berlin  wurde.  Das  büreaukratische  Zimmerwerk
  ist  so  konstruiert,  daß  es  ein  Holzbau  ist,  kein  Granitbau.  Darauf
können  wir  nicht  sicher  bauen.  Die  Volksvertretung  ist  dazu  da,  die  Büreaukratie
  zu  korrigieren,  zu  zensurieren,  ihr  zu  Hilfe  zu  kommen  und  sie  vor
Uebergriffen  zu  bewahren.  Dazu  ist  erforderlich,  daß  die  Gesetzgebung
das  System  der  Geheimhaltung  aufgibt.  Wenn  niemand  weiß,  was  die
Regierung  beabsfichtigt,  und  sie  die  Durchführung  ihrer  Absichten  nicht  vorbereitet,
  so  kann  keine  Landesvertretung  und  kein  Abgeordneter  rechtzeitig
ein  Urteil  gewinnen.  Ich  halte  für  richtig  und  habe  als  Minister  danach
gehandelt,  daß  die  neuen  Vorlagen  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  sie  populär
waren  oder  nicht,  in  der  offiziösen  und  amtlichen  Presse  zunächst  bekannt
gegeben  wurden;  von  Ueberraschung  und  Zwangslage  war  denn  auch  keine
Rede.  Wenn  dann  vom  Reichstag  die  Vorlagen  abgelehnt  wurden,  so
haben  wir  diese  Ausübung  seiner  Berechtigung  oft  zwar  mit  bitterem  Herzen,
aber  doch  angenommen  und  uns  auf  eine  andere  Vorlage  besonnen  (Heiterkeit),
  durch  welche  wir  unsern  Zwecken  näher  zu  kommen  glaubten.  Das,
glaube  ich,  ist  auch  für  die  Zukunft  der  richtige  Weg;  dazu  ist  aber  notwendig,
  daß  die  Beteiligung  an  den  Regierungsgeschäften  und  an  dem
Schicksal  der  großen  gesamten  Nation  nicht  nur  eine  innere,  gemütliche,
sondern  auch  äußerlich  erkennbarere  wird,  als  es  heute  der  Fall  ist.

In  diesem  Sinne  habe  ich  auch  unsern  Landsleuten  aus  dem  Fürstentum
  Lippe,  welche  neulich  hier  waren,  empfohlen,  doch  auch  in  ihrem  kleinen
Kreise  mehr  sich  mit  der  Reichspolitik  zu  beschäftigen;  diese  gehört  doch  zu
den  Landesinteressen.  Die  deutsche  Frage  müßte  in  kleinen  und  großen
Reichsländern  stets  die  oberste  Frage  sein,  über  welche  die  Minister  wegen
ihrer  Haltung  im  Bundesrate  interpelliert  werden  sollten.  Für  manchen
Minister  mag  es  ja  sehr  bequem  sein,  wenn  die  Verhandlungen  heimlich
sind  und  er  sich  über  sie  nicht  zu  äußern  braucht,  aber  für  das  gesamte
Volksinteresse  ist  es  nicht  nützlich;  da  sollten  immer  Karten  auf  den  Tisch
gespielt  werden.  Es  ist  eine  falsche  Behauptung,  wenn  einige  Blätter  mir
entgegenhalten,  ich  hätte  dem  Partikularismus  das  Wort  geredet.  Das
Gegenteil  ist  richtig,  dem  Patriotismus  habe  ich  das  Wort  geredet,  der  auch

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXIV.  7