Zahn: Kriegssozialpolitik. — Stolper: Osterreich-Ungarns Volkswirtschaft im Kriege 403
tig einen wichtigen Bestandteil unserer Nationalpolitik
bilden. Sie muß und wird zum Ausgleich des
Verlustes eines wertvollen Menschenfrühlings, den der
sebige Krieg uns dahinmäht, sowie zur Bewältigung
der bevorstehenden gewaltigen Friedensaufgaben zielbewußte
Menschendkonomie pflegen und dazu die
Politik des Vertrauens, des Sichverstehenwollens
zwischen den einzelnen Klassen wie zwischen Regierung
und Volk weiter vertiefen.
Mit Hilfe dieser so erhöhten sozialen Gesamtkraft,
mittels der verbreiteten geistigen Arbeitsgemeinschaft
unseres ganzen Volkes, dürfen wir hoffen, daß wir
einen festen und gegen früher noch festeren Wiederaufbau
von Neich olk und Volkswirtschaft erzielen
und uns zugleich auch künftig die beste Bereitschaft
nach außen sichern. Darum laute in Zukunft noch
mehr als bisher die Losung: Societatis salus suprema
ler.
Osterreich-Angarns Volkswirtschaft
im Kriege
von Dr. Gustadp Stolper in Wien
Allgemeines. Vergleich mit der Kriegswirtschaft
Deutschlands.
Der Weltkrieg hat Österreich--Ungarn vor dieselben
wirtschaftlichen Aufgaben gestellt wie das Deutsche
Reich, und es hat ihre Lösung in den grundsägtlich gleichen
Formen gefunden. Wenn wir aber diesen Parallelismus
als das Charakteristikum der mitteleuropäischen
Kriegswirtschaft erkennen, so hat doch die Verschiedenheit
der taatlichen, geographischen und wirtschaftlichen
Voraussetungen der Kriegswirtschaftin Osterreich und
Ungarn eigenartige Züge aufgeprägt, die ihre gesonderte
Betrachtung nötig machen. Die Gesamtheit der
kriegswirtschaftlichen Aufgaben können wir in drei
Gruppen zerlegen: die Aufbringung der Krie scosten.
die Befriedigung des Heeresbedarfs und die Sicherung
einer ausreichenden Ernährung der Bevölkerung
im Hinterland. Zur Aufbringung der Kriegskosten
haben Osterreich und Ungarn wie alle keiegsührenden
Staaten während der ersten Kriegswochen die Notenbank
in Anspruch nehmen müssen. Aber der Notenbank
in Iterreich-Ungarn war die Bewältigung dieser
Aufgabe schwieriger als den Notenbanken der meisten
übrigen Großmächte, namentlich auch als der
Deutschen Reichsbank, und verschiedene Umstände
haben zu Kriegsbeginn im Zusammenhang mit der
Ungunst der öterrlichichen ahlungsbilanz vor dem
Krieg zu bank- und kreditpolitischen Maßnahmen gewungen,
von denen Deutschland absehen konnte.
ie Deutschland ist auch Osterreich-Ungarn durch die
englische Blockade von der Zufuhr überseeischer Rohstosse
abgesperrt worden. Aber während Deutschland
in Vel ien, Nordfrankreich und den von seinen
Truppen bese ten Teilen Polens industriereiche Gebiete
in seine Gewalt bekam und mit ihnen ungeheure
Rohstoffvorräte, hatten Osterreich-Ungarns Truppen
überwiegend verwüstete landwirtschaftliche Landstrecken
zu besetzen und mußten zeitweilig eigene Rohstoffjquellen
von besonderer Wichtigkeit, wie die galizischen
Petroleumlager, dem Feind überlassen. Osterreich-Ungarn
war daher in hohem Maße — allerdings
bei weit geringerer normaler Verbrauchsfähigkeit —
auf die Kogstoffenengen angewiesen, die der verbündete
Generalstab der Monarchie aus der großen Beute
überwies. Und schließlich hat auch die Ernährungsregelung
durch den besonderen Verlauf der kriegerischen
Ereignisse zunächst in Osterreich-Ungarn Schwierigkeiten
gefunden, an die man bei Kriegsausbruch
nicht denken konnte. Das ergiebigste Ackerbauland
der österreichischen Reichshälfte, der wichtigste Lieferant
für Vieh, Geflügel, Eier und Kartoffeln, Galizien,
war nahezu ein Jahr in feindlichem Besitz, und
als das Land von den verbündeten Truppen zurückewonnen
wurde, konnten nur in einem Teile die Anauarbeiten
nachgeholt, der landwirtschaftliche Betrieb
wieder in Gang gesetzt werden. Je mehr die Kriegslage
sich ugunsten der Mittelmächte verschob und je
mehr die K#egswirsschaft ins Gleichgewicht kam, desto
mehr verschwanden die grundlegenden Verschiedenheiten
in der kriegswirtschaftlichen Organisation
Deutschlands und Osterreich-Ungarns, desto ähnlicher
wurde die Struktur der Volkswirtschaft beider Staaten.
Den übergang von der Kriegs= in die Friedenswirtschaft
werden sie jedenfalls unter viel ähnlicheren
Bedingungen durchzumachen haben als den Übergang
von der Friedens- in die Kriegswirtschaft.
Die Oskerreichisch-Angarische Hank.
Für die Formen der österreichisch-ungarischen Finanzwirtschaft
in der ersten Kriegszeit war entscheidend
die ungünstige Wendung, welche die österreichisch-ungarische
Handels- und Zahlungsbilanz im
letzten Jahrzehnt vor dem Krieg genommen hatte.
Sie hat die österreichisch-ungarische Währung einer
Belastung ausgesetzt, an die Lar- Feit der Valulareform
nicht zu denken war. e Valutareform des
Jahres 1892 (durch welche Osterreich= Ungarn zur
oldwährung überging) wurde in einer Zeit durchgefürrt,
da die österreichische Handelsbilanz wachsende
berschüsse erzielte, die seit langer Zeit einen außerordentlich
günstigen Stand der Wechselkurse bewirkt
und die Verschuldung der Monarchie an das Ausland
ständig vermindert hatten. Seit 1904 trat die Wenung
ein. Das Handelsaktivum verschwand, und seit
1907 begann die Einfuhr in immer größeren Beträen
die Ausfuhr der Monarchie zu übersteigen. Das
Palsioe#m erreichte für das erste Halbjahr 1914 bereits
die Höhe von einer halben Milliarde Kronen.
Die Folgen dieser Entwicklung, auf deren Gründe
hier nicht einzugehen ist, waren bereits in den Jahren
vor Kriegsausbruch in einer ständigen Anspannung
der Wechselkurse bemerkbar. Immerhin bewahrte
die österreichisch= ungarische Währung ihre
Stabilität. Eine geschickte Zinsfuß und Devisenpolitik
und fortlaufende Verkäufe von Wertpapieren an
das Ausland (als öffentliche und private Anleihen)
bewahrten die Devisenkurse vor bedenklichen Schwankungen
und gestatteten es der Notenbank, ihren Metallschatz
im wesentlichen auf seiner alten Höhe zu halten.
Die Osterreichisch-Ungarische Bank war so
ut eine barzahlende Bank wie irgendeine der gro-*
europäischen Notenbanken, obwohl sie von der
Einlösungspflicht der Banknoten formell entbunden
war. Die außerordentlichen Vorgänge in den ersten
267