412 Osterreichs Pläne mit dem Militärausschuß.
haben, in die Bundesversammlung zu bringen, oder diese Angaben und Be-
hauptungen auch nur zur Grundlage eines gutachtlichen Berichtes an die Bundesversamm-
lung zu nehmen. Sch kann daher kaum eine andere Ablicht präsumieren, als die, daß der
Ausschuß ein Mandat zu selbständigerer Cätigkeit entweder auf eigene Verantwortung
alsumieren, oder sich ein solches auf Grund allgemeiner Angaben über bevorstebhende Se-
fahbren von der Bundesversammlung erbitten soll. Sinem solchen Versuch kann Preußen
m. g. D. nur bestimmt, offen und prinzipiell entgegentreten.
Es läßt sich nicht vorhersehn, nach welcher Richtung hin Graf Nechberg seine Laktik
im Ausschuß entwickkeln wird, und ob bei dem ganzen Manöver die Ablicht vorwiegt,
dem Militärausschusse eine politische Rolle zuzuwenden, oder die, eine Demonstration Ge-
samtdeutschlands gegen GSrankreich berbeizuführen, von welcher ich unentschieden lasse, ob
sie die Erhaltung des Friedens oder die Herbeiführ ung des Krieges beabsichtigt. Ich habe
bereits in meinem letzten immediaten Sitzungsbericht') erwähnt, daß sich bier der Eindruck
fübhlbar macht, als ob Österreich den Krieg wolle, weil es glaubt, ihm jetzt vollkommen ge-
wachsen zu sein und in späterer Seit vielleicht nicht. In diesem Sinne habe ich seitdem ver-
schiedene Artikel österreichischer Korrespondenten gelesen, welche zu den Intimen des
Wiener Kabinettes jählen. Aoch mehr Gewicht aber lege ich darauf, daß mir der Hersog
von Vassau, den ich als vollständig eingeweihten Agenten der österreichischen Politik be-
trachten darf, nach dem Abschiedsdiner, welches er mir gab, ganz unumwunden und mit
großer Lebhaftigkeit entwickelt bat, wie notwendig der Krieg gegen Grankreich sei, und
wie man die Gelegenheit nicht müsse vorüber geben lassen, welche uns durch die franzölischen
Herausforderungen in einem so günstigen Momente gegeben würde. Von der Kenntnis
dieser Stimmungen war auch der biesige englische Gesandte geleitet, als er mir vor einigen
Tagen sagte, daß seine Regierung es sehr beklagen würde, wenn Österreich in diesem Mo-
mente von den deutschen Bundesstaaten irgendwelche tatfächliche Ermutigung erdielte, in
leinen kriegerischen Tendenzen und auf der gegenwärtigen Höhe seiner Ansprüche m be-
harren. Wenn man der von Osterreich inspirierten Presse, und namentlich den nach
Frankreich verbreiteten und in Paris gelesenen Blättern derselben, einige Aufmerksam-
keit schenkt, so kann man sich der BVermutung, daß die darin entbaltenen Aufreizungen
und Herausforderungen Srankreichs einem bestimmten Sustem ibren Ursprung verdanken,
kaum erwehren. Die poetischen und prosaischen Ergüsse, welche den Franzosen das Elsaß
und Lothringen abfordern, bleiben mit ihrem wohlgemeinten Patriotismus binter den über-
rheinischen Broschüren nicht zurückt und könnten von Irankreich ebensogut als Motiv zu
MRüstungen angeführt werden, wie Laguerronière von Österreich. Aber ein Vorschieben
deutscher Cruppen, etwa, wie ÖOsterreich wollte, zwei Armeekorps in der Dfalz, würde
allein binreichend sein, um den Kaiser der Franzosen unter den Druck einer Drohung zu
stellen, welche ihm jedes Aachgeben verbieten und die öffentliche Meinung in Grankreich
für den Krieg stimmen würde.
Von der Vorlage der Militärkommission ist nun bis zur Ausführung solcher Maß-
nahmen allerdings noch sehr weit, und ein bestimmter Widerspruch Preußens wird der
Fortentwickelung der Sache einstweilen im Ausschusse ebensogut Halt gebieten, wie er in
der Militärkommission ihr Entstehen verhindert haben würde. Immer aber bleibt die
einstimmige Eingabe der Militärkommission mit der Urnterschrift des preußischen
Bevollmächtigten ein Dokument, welches in verfüngtem Maßstabe der österreichischen Po-
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