Full text : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Heinrich  gegen  die  Obotriten.  297

Schöpfungen  gefährdet  glaubte,  kannte  er  keine  Schonung  noch  Grenze  für
seine  Rache.

Nirgends  hielten  die  Obotriten  vor  dem  deutschen  Heere  Stand.  Sie  zogen
sich  bis  nach  Demmin  an  der  Peene  zurück,  wo  sich  Trebel  und  Tollense  in
jenen  Fluß  ergießen;  hier  stießen  übrigens  zu  Pribislaw  die  beiden  Pommerfürsten
  Kazimar  und  Boguslaw  mit  bedeutenden  Streitkräften.  Während
nun  Herzog  Heinrich  selbst  bei  Malchow  stehen  blieb,  wahrscheinlich  um  die
zerstörten  Festungen  wieder  aufzubauen,  sandte  er  die  Holsten  und  Stormarn,
  die  Grafen  Reinold  von  Dithmarschen  und  Christian  von  Friesisch-Oldenburg")
  sowie  Gunzelin  von  Hagen  unter  dem  Oberbefehle  des  Grafen
Adolfs  II.  den  Feinden  nach.  Nur  eine  halbe  Meile  von  ihnen  entfernt,  bei
dem  Orte  Verchen  an  der  Peene  schlug  Adolf,  vom  Ufer  des  Kummerower
Sees  durch  einen  Sandhügel  getrennt,  sein  Lager  auf.  Da  kamen  slawische
Boten  und  brachten  ihm  den  Antrag  der  Fürsten,  sie  wollten  dem  Herzoge
3000  Mark  zahlen,  wenn  er  sie  zu  Gnaden  annehmen  wollte.  Dann  aber,
ehe  sich  Adolf  noch  entschieden  hatte,  kamen  schon  andere  Boten  und  redeten
nur  noch  von  2000  Mark.  So  mußte  Adolf  erkennen,  daß  die  Slawen  lediglich
Zeit  gewinnen  wollten.  Und  allerdings  hatten  es  die  Obotriten  und  Pommern
  darauf  abgesehen,  die  Christen  recht  sicher  zu  machen,  um  ihnen  dann
eine  desto  stärkere  Niederlage  zuzufügen.  Nachts  sandten  sie  ihre  Späher  in
das  deutsche  Lager,  wo  sie  mit  den  treulosen  wagrischen  Slawen  im  Gefolge
des  Grafen  Unterhandlunge  pflogen  und  von  ihnen  Nachrichten  über  den
Zustand  des  Heeres  empfingen.  Die  Holsten,  mit  dem  Charakter  ihrer
wagrischen  Nachbarn  wohl  bekannt,  bemerkten  die  Umtriebe  und  warnten
Adolf  wiederholt  vor  ihnen.  Aber  er  war  in  völliger  Verblendung  befangen,
da  er  meinte,  die  Slawen  hätten  alles  Vertrauen  auf  ihre  Krast  verloren.
So  duldete  er,  daß  jede  Wachsamkeit  im  Lager  aufhörte.  Die  Slawen  vernahmen
  dies  wohl  und  gründeten  darauf  den  Plan,  die  Deutschen  in  der
Nacht  zu  überfallen  und  im  Schlafe  niederzumachen.

Da  der  Herzog  mit  seiner  Ankunft  noch  zögerte  und  die  deutsche  Vorhut
wegen  des  nahen  starken  Feindes  sich  nicht  zum  Furagieren  zu  zerstreuen
wagte,  entstand  Mangel  an  Lebensmitteln  in  Adolfs  Heeresabteilung.  Er
sandte  deshalb  einige  Troßknechte  ab,  um  von  dem  Herzoge  neuen  Unterhalt
herbeizuführen.  Als  nun  diese  bei  dem  ersten  Grauen  der  Morgenröte  aufbrachen,
  sahen  sie  unermeßliche  Scharen  von  Reiterei  und  Fußvolk  der
Slawen  den  Hügel  hinaufkommen,  der  im  Rücken  des  deutschen  Lagers
dieses  vom  See  trennte.  Die  Gegner  hatten  nicht  allein  die  Deutschen  überfallen,
  sondern  ihnen  zugleich  auch  die  Rückzugslinie  abschneiden  wollen.  Bei
diesem  überraschenden  Anblicke  flüchteten  sich  die  Knappen  zum  Lager  zurück
und  weckten  dort  durch  ihr  lautes  Geschrei  die  Schläfer.  Schnell  waren  die

 

*)  Saxo  Gramm.,  p.  153  a  nennt  statt  Christian  von  Oldenburg:  Heinrich  von  RKatzeburg.
  Dieser  war  indes  damals  schon  tot  oder  auf  dem  Sterbebette;  Kobbe,  Lauenburg
  I,  S.  199  ff.