Full text : Geschichte des Kurstaates und Königreiches Sachsen. Zweiter Band: Von der Mitte des sechzehnten bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. (2)

Ministerwechsel  von  1777.  571

von  Rachegedanken  gegen  den  Vergewaltiger  des  Landes.  Trotz
allem,  was  vorgegangen  war,  brach  sich  die  Uberzeugung  Bahn,
daß  Sachsen  ein  norddeutsches  Land,  mit  Preußen  durch  die
innersten  Interessen,  mit  Osterreich  nur  durch  dynastische  Neigungen
  verbunden  sei,  und  auch  diese  hatten  sich  nordwärts
gekehrt,  seitdem  gegenseitige  Achtung  und  Freundschaft  Friedrich
den  Großen  mit  dem  Kurfürsten  Friedrich  Christian  und  dessen
geistvoller  Gemahlin,  später  nicht  minder  mit  beider  Sohne
verband,  seitdem  die  Tochter  des  von  Osterreich  gemißhandelten
und  vertriebenen,  von  Friedrich  beschützten  Kaisers  Karls  VII.
Kurfürstin  von  Sachsen  geworden  war;  waren  doch  auch  die
inneren  Reformen,  die  den  kranken  sächsischen  Staatskörper
wieder  der  Genesung  zuführten,  ganz  im  Sinn  und  Geist  des
großen  preußischen  Herrschers,  wogegen  Josephs  II.  Aufklärerei
und  Hast  keine  verwandte  Saite  in  den  dreödner  Hofkreisen
berührten.  Daß  Sachsen  seinen  Pflichten  gegen  Kaiser  und
Reich  auf  das  gewissenhafteste  nachkam,  ist  bei  einem  Fürsten
wie  Friedrich  August,  dem  das  positive  Recht  über  jeder  anderen
Rücksicht  stand  und  dem  daher  auch  noch  die  abgelebten,  zerbröckelnden
  Formen  der  Reichsverfassung  ehrwürdig  und  heilig
waren,  selbstverständlich;  aber  die  Zeiten,  wo  es  bereit  war
sich  für  habsburgische  Hausinteressen  zu  opfern,  waren  vorüber.
  Ließ  auch  die  Periode  politischer  Stille,  welche  nach
Beendigung  des  siebenjährigen  Kriegs  in  den  Verhältnissen
der  ruhebedürftigen  Staaten  eintrat,  diese  Veränderung  sich
zunächst  nicht  in  großen  Erschütterungen  wirksam  zeigen,  so
trat  doch  die  Mißstimmung  des  kaiserlichen  Kabinets  über  diese
Annäherung  Sachsens  an  Preußen  schon  bei  den  Irrungen,
welche  zwischen  der  kurfürstlichen  Regierung  und  dem  Hause
Schönburg  im  Jahre  1768  ausbrachen,  deutlich  zu  Tage  1).

1)  Streiligleiten  mit  Kurmainz  über  die  Ansübung  gewisser  Rechte
in  der  zur  Ganerbschaft  Tressurt  gehörigen  Voiglei  Dorla  wurden  durch
einen  1773  geschlossencn,  aber  erst  1783  ratificirten  Verglceich  geschlichtel.
Just,  über  die  Verfassung  der  Ganerbschaft  Treffurt  und  dazu  gehörigen
Voigtei  Dorla  in  Weiße,  Neues  Museum  III,  1.  S.  11  f.