Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

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Geld  an  Bord  hat?  —  Wenn  er  das  häit',  dann
würd  es  ihm  den  Deubel  was  nützen,  wenn  er
auch  seine  Sachen  wieder  rauskriegte!“

Marie  wurde  dunkelrot.

„Na  ja!l  —  Laß  einen  doch  bloß  in  Frieden!
Na  jal  —  Was  weiß  ich  von  Malten?  —  Man
kann  doch  mal  'n  Wort  zusammen  reden!"

Gustav  schielte  ihr  unter  den  Helgoländer  und
dann  wieder  zu  Boden.

„HmlI  —  und  ich  kann,  wenn  ich  will,  das
Boot  behalten  und  auf  die  andere  Seit  als  sein
Mietsmann  zieh'n!“  grunzte  er,  „das  hat  sich
der  große  Herr  ja  recht  ne't  ausgedacht!“  —

Jetzt  zitterte  das  Mädchen  am  ganzen  Leibe.

„Was  du  nur  immer  so  giftig  auf  Malten  bist?!
—  Aber  so  bist  du  immer  gewesen!“

„Das  hat  noch  kein  Mensch  gesagt.  Bloß  dul“
—  Das  „bloß  du!“  hatte  traurig  geklungen.

Aber  unbewußt  wehrte  Marie  sich  gegen  diesen
Eindruck.

„Ja,  weil  du  solch  Inheimscher  bist  und  die
andern  nichts  merken  läßt!“  rief  sie  grausam.

„So?  bin  ich?“

Marie  wandte  sich  ab  und  stieg  schnell  die
Schlucht  bis  zur  Kante  des  Puttgartener  Weges
empor.

Gustab  tat  noch  ein  paar  tappende  Schritte  hinter
  ihr  drein.  Doch  sie  drehte  sich  nicht  um.  Da
gab  er  sein  Vorhaben  auf.

Eine  kleine  Weile  sah  er  ihr  unter  dem
abgeränderten  Strohhut  nach.

Sie  ging  nicht  im  Fahrweg,  sondern  auf  dem
höher  gelegenen  Fusssteg.  Und  so  geschwind  gina
sie,  dan  der  leichte  Sommerrock  um  sie  her  flog  und
ihre  Pantoffeln  nur  so  klapperten.  Sie  hatte  eine
dralle  und  doch  zierliche  Gestalt.

Auf  einmal  war  sie  in  der  Tiefe  verschwunden.

Er  horchte,  denn  ihm  war,  als  höre  er  sie
singen.

Ohne  recht  zu  wissen,  was  er  tat,  stieg  er  auf
die  Kapellenhöhe.

Neßen  der  Kavelle  stand  schief  auf  einem  Bein
ein  kleiner,  schwarz  angestrichener,  aber  trotzdem
stark  wurmstichiger  Opferstock.

Fremde,  oft  ausländische  Schiffer,  die  bei  widrigem
  Wind  in  der  Vitter-Bucht  vor  Anker  gingen,
  pflegten  ihm  kleine  Kupfer=  oder  Silßbermünzen
anzuvertrauen,  um  sich  dadurch  vom  Lenker  der
Wogen  eine  glückliche  Ausfabrt  und  Weiterreise  zu
erkaufen.  Und  manchmal  verirrte  sich  auch  das
größere  Dankopfer  eines  aus  Sturmesnot  Geretteten
  unter  die  geringen  Spenden.

Daß  auch  Einheimische  in  den  Stock  opferten,
fam  selten  vor.

Aber  es  kam  doch  vor.  Besonders  an  der
Grenze  von  Glauben  und  Aberglauben.

Gustav  Piper  zäßlte  nicht  zu  den  Einfach-Gläuhigen.
  Daf'r  beschlich  ihn  —  als  wolle  das
Schicksal  das  Höhnische  seines  eigenen  Mesens  gegen
  ihn  ausspielen  —  bisweilen  der  Aberglaube.

halb

Unser  Dommerland

Ein  Aberglaube,  von  dem  er  sich  keine  Rechenschaft
ga';  sonst  hätte  er  ihn  selbst  verlacht.

Einige  Augenblicke  klapperte  er  mit  der  Hand
in  der  Hosentasche.  Am  Ende  mußte  er  doch  ene
andere  heiraten!

Aber  ihm  siel  keine  ein.  Ihm  war  nie  eine
andere  zum  Heiraten  eingefallen,  als  Marie  Beethmann.


Plötzlich  griff  er  energisch  zwischen  Nägeln  und
Schlüsseln  in  die  Tiefe  und  hielt  auch  gleich  darauf
  ein  Nickelstück  zwischen  den  Fingern.

Dann  sah  er  sich  scheu,  beinah  feindselig  ringsum.


Er  stand
Höhe.

Auf  einmal  hörte  er  seine  zehn  Pfennige  in  den
Opferstock  fallen.

Sie  fielen  hart  auf,  und  der  Klang  hallte  ihm
noch  lange  im  Ohr  nach,  denn  er  war  sonst  ein
sparsamer,  ja  fast  mehr  als  sparsamer  Mensch.  —
Was  wollke  er  eigentlich?  Wollte  er,  daß  sein
Bruder  Malte  Havarie  habe?

Er  schob  den  Hut  weit  aus  der  Stirn  und
dann  wieder  tief  hinein.  Der  sonst  blaßgesich'ige
Mann  war  kirschrot.  —  Und  laut  pfeifend  kehrte
er  ins  Dorf  zurück.

Er  pfiff  sonst  nie.  Aber  wenn
wollte  er  auch  einmal  pfeifen.

-  e

Längst  waren  die  Strandpredigten  vorüber.
Blumen  und  Kräuter  in  der  Schlucht  hatten  abgemutterseelenallein

  auf  der  sonmmigen

Marie  sang,

bl'iht  und  die  letzten  zerrissenen  Fähnchen  des  Altweibersommers
  hingen,  in  schmutzige  Knäuel  zusammengepeitscht,

  an  braunen  Grashalmen.  Die
Laubreste  in  den  Obstbäumen  waren  schwarz  vom
Regen,  und  ganz  vereinzelt  leuchtete  noch  einmal

ein  rötliches  oder  goldgelbes  Blatt  aus  dem  dunklen
  Gezweig.

In  den  Aesten  knackte  und  heulte  der  Sturm.
Gröhlend  pfiff  er  um  Stall=  und  Häuserecken  und
in  unregelmäßigen  Atemstößen  trug  er  die  Brandung
  der  tief  aufgewühlten,  oft  mikfarbenen  See
ans  Land.

In  den  Hütten  wurden  früh  die  kleinen  Petroleumlampen
  angezündet,  aber  aus  Sparsamkeit
so  niedrig  wie  möglich  geschraubt.

Ein  Tag  verging  wie  der  andere.

Nur  Ansang  Oktober  hatten  die  Vitter  eines
Nachmittags  ein  Ereignis  zu  verzeichnen  gehabt.

„Marieken!“  hatte  Vater  Beethmann  zweimal
durchs  Vorderfenster  gerufen.
durchs  Vorderfenster.

Sie  war  nicht  in  der  Stube.  Doch  rief  er  so
hastig,  daß  sie  im  Stall  darauf  aufmerksam  wurde
und  geschwind  um  die  Ecke  kam.

Der  alte  Beethmann  mit  dem  runden,  noch  immer
  rosigen  Gesicht  und  den  bellen  munteren  Augen
war  lebhafter  als  die  übrigen  Vitter,  sonst  wöäre
es  ihm  nicht  eingefallen,  seine  Tochter  zu  rufen,