Full text : Bavaria. Landes und Volkskunde des Königreiches Bayern.

Bolkskrankheiten  u.  Bolksmedizin.  883

aber  alljährlich  eine  so  große  Anzahl  zur  Revaceination  sich  stellender
Individuen  auf  —  als  Schwaben  und  Neuburg.  Den  acuten  Exanthemen
  gehören  in  Schwaben  und  Neuburg  2,:  Proc.  der  jährlichen  Todesfälle
  an.

Sehr  verbreitet  in  Schwaben  ist  die  Wurmkrankheit  (Helminthiasis).
  Namentlich  im  Riese  gibt  es  viele  Wurmleidende;  sie  schweigen  oft
lange;  periodisch  aber  treten  ihre  Klagen  dringend  und  massenhaft  auf.  Da
bei  Wurmleiden  nur  selten  ärztliche  Hilfe  in  Anspruch  genommen  wird,  und
die  Meinung  verbreitet  ist,  daß  Wurmmittel  nur  helfen,  wenn  sie  bei  abnehmendem
  Monde  gebraucht  werden,  so  ist  dadurch  die  Beobachtung,  wann
die  Ascariden  sich  mehren  oder  ihre  Angriffe  verstärken,  erschwert.  Aus
zehnjährigen,  genau  notirten  Beobachtungen  geht  nur  so  viel  hervor,  daß
die  Getreidepreise  wenig  Einfluß  üben,  daß  dagegen  in  Wintern,  welche  auf
obstreiche  Herbste  folgen,  die  Klagen  über  Würmer  seltener  sind,  und  daß
sie  am  häufigsten  zu  Ende  des  Winters  bei  starker  Kälte  und  nach  solcher
auftreten.  Das  Vorkommen  des  Bandwurms  ist  hingegen  selten,  und
nur  sporadisch;  die  meisten  Fälle  scheinen  auf  jene  Ortschaften  zu  treffen,
welche  auf  der  untersten  Hauptabtheilung  des  Jura,  auf  dem  schwarzen  Jura
(Lias)  liegen,  der  bekanntlich  durch  das  Vorherrschen  von  bituminösen  Kalken
  und  stinkendem  Letten  ausgezeichnet  ist.  Rohes,  ungekochtes  Schweinefleisch
  wird  in  Schwaben  nirgends  gegessen.

Die  statistischen  Erhebungen  über  die  Zahl  der  Geisteskranken  in
verschiedenen  Ländern  haben  eine  beträchtliche  Zunahme  dieser  Unglücklichen
in  den  letzten  Jahren  dargethan,  eine  Thatsache,  welche  in  dem  Umstande,
daß  mit  dem  Verschwinden  der  Vorurtheile  gegen  Geisteskranke,  diese  mehr
aus  der  früheren  Verborgenheit  hervortreten,  keines  Falles  ihre  vollgiltige
Erklärung  finden  kann.  Auch  für  den  Kreis  Schwaben  und  Neuburg  ist  die
Zunahme  der  Zahl  der  Irren  statistisch  nachgewiesen.  Nach  v.  Hermann's
Beiträgen  zur  Statistik  des  Königreiches  Bayern  zählte  im  Jahre  1858
Schwaben  und  Neuburg  617  in  Privatpflege  befindliche  Geisteskranke;  zur
nämlichen  Zeit  befanden  sich  in  der  Kreis-Irrenanstalt  Irsee  194  Angehörige
dieses  Regierungsbezirkes.  Die  Gesammt-Summe  aller  Geisteskranken  belief
sich  sonach  auf  811.  Dagegen  ergeben  die  periodischen  Berichte  der  Distrikts-Polizeibehörden
  und  Physikate  über  die  Irrenpflege,  daß  im  Etatsjahre
1860,61  677  Geisteskranke  in  Privatpflege  untergebracht  waren,  während
gleichzeitig  —  nach  den  Listen  der  Anstalt  Irsee  daselbst  228  Kreisangehörige
behandelt  und  verpflegt  wurden,  woraus  sich  die  Summe  von  915  Irren
für  den  ganzen  Kreis  entziffert.  Innerhalb  3  Jahren  hat  demnach  die  Zahl
der  Geisteskranken  um  94  zugenommen.  Die  Ursachen  dieser  unläugbaren
Mehrung  von  Geistesstörungen  liegen  für  Schwaben  noch  vollkommen  im
Dunkeln.  Wir  können  weder  den,  in  vollkommen  naturgemäßem  Entwickelungsgange
  sich  bewegenden  Fortschritt  in  Cultur  und  Civilisation,  oder  den

567