Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

36  Deutsches  Reich.  (Jan.  21.—26.)

Ein  Wort  möchte  ich  widmen  der  technischen  Frage,  die  gestern  auch
hier  verschiedentlich  gestreift  worden  ist,  nämlich  der  Vertretung  der
Obersten  Heeresleitung  bei  der  Friedensdelegation.  Auch  hier
bietet  dieser  Friede,  der  erste  Versuch  eines  Separatfriedens  in  diesem  ungeheuren
  Koalitionskriege,  erhebliche  Schwierigkeiten,  welche  man  bei  früheren
Friedensschlüssen  nicht  gekannt  hat.  Die  zwei  letzten,  verhältnismäßig  kurzen,
großen  Kriege,  welche  geführt  worden  sind,  die  von  1866  und  1870/71,
brachten  im  Moment  der  Friedensverhandlungen  die  verantwortlichen  militärischen
  Stellen,  den  verantwortlichen  Staatsmann  und  die  Krone  meistens
an  einem  Ort,  häufig  sogar  unter  einem  Dach  in  tägliche  und  stündliche
Berührung.  Der  Friedensschluß  war  kurz  und  nur  mit  einem  Gegner  zu
treffen.  Jetzt  hat  sich  die  Notwendigkeit  ergeben,  während  noch  im  Westen
ein  Kampf  auf  Leben  und  Tod  tobt,  der  die  ganze  Kraft,  die  ganze  Spannung
der  großen  Männer  unserer  Obersten  Heeresleitung  in  Anspruch  nimmt,  in
einer  Festung  fern  im  entlegensten  Rußland,  den  Frieden  zu  verhandeln.
Es  würde  ganz  unmöglich  sein,  diese  Verhandlungen  zu  führen,  ohne  daß
die  Oberste  Heeresleitung  bei  denselben  durch  einen  Bevollmächtigten  vertreten
  ist.  Wie  gestern  richtig  hervorgehoben  worden  ist,  verknüpfen  sich
militärische  und  politische  Fragen  in  solcher  Weise,  daß,  wenn  ich  erst  jedesmal
  durch  Fernschreiber  oder  Telephon  die  Verbindung  mit  der  Obersten
Heeresleitung  aufrechterhalten  müßte,  bei  den  Fragen  der  Räumung,  Grenzziehungen,
  den  unzähligen  Fragen,  die  das  militärische  Gebiet  streifen,
die  Verhandlungen  eine  Unmöglichkeit  werden  würden.  Die  Oberste  Heeresleitung
  ist  nun  einmal  ein  großer  Faktor  unseres  heutigen  Lebens.  Es
wäre  nicht  klug,  zu  versuchen,  daran  vorbeizugehen.  Die  Aufgaben,  die  ihr
gestellt  werden,  sind  ungeheuer,  und  von  der  Lösung  dieser  Aufgaben  hängt
noch  immer  das  Schicksal  des  Deutschen  Reichs  ab.  Deshalb  ist  eine  stündliche
  und  enge  Fühlungnahme  mit  einem  Vertrauensmanne  der  Obersten
Heeresleitung  notwendig,  und  es  ist  auch  notwendig,  daß  dieser  Vertrauensmann
  an  den  Verhandlungen  teilnimmt,  damit  er  überhaupt  genügend  im
Bilde  ist.  Ich  möchte  auch  unbedingt  daran  festhalten,  daß  ihm  das  Recht
in  dem  Umfange,  wie  es  eben  jetzt  auf  Vortrag  des  Herrn  Reichskanzlers
durch  Seine  Mgajestät  festgestellt  worden  ist,  erhalten  bleibt.  General  Hoffmann,
  über  dessen  Persönlichkeit  gestern  ja  hier  in  außerordentlich  sympathischer
Weise  geurteilt  worden  ist,  ein  Urteil,  dem  ich  mich  nur  völlig  anschließen
kann,  hat  uns  während  der  Verhandlungen  durch  seine  gründliche  Kenntnis
von  Land  und  Leuten,  durch  die  bei  den  Waffenstillstandsverhandlungen
gemachten  praktischen  Erfahrungen  unendlich  viele  und  wertvolle  Dienste
geleistet  und  hat  mir  und  unseren  Verbündeten  gegenüber  auch  in  politischer
Beziehung  die  vollste  Loyalität  in  keinem  einzigen  Punkt  vermissen  lassen.
Ich  möchte  unbedingt  warm  dafür  eintreten,  daß  auch  die  Herren  dieses
hohen  Hauses  sich  in  dieser  Richtung  aussprechen,  daß  an  den  bestehenden
Anordnungen  nichts  geändert  werden  soll.  Dadurch,  daß  der  Vertreter  der
Obersten  Heeresleitung  nur  im  Einvernehmen  mit  dem  politischen  Leiter
in  die  Debatte  eingreifen  kann,  ist  meiner  Ansicht  nach  die  Verantwortlichkeit
  der  politischen  Leitung  voll  gedeckt.

Wenn  ich  zum  Schlusse  meiner  Ausführungen  einen  kurzen  Ausblick
in  die  Zukunft  tun  möchte,  so  ergibt  sich,  wie  ich  schon  auszuführen  die
Ehre  hatte,  daß  wir  mit  dem  hochkultivierten,  in  politischer  Beziehung  für
uns  unendlich  wichtigen  Finnland  —  unser  Handelsverkehr  mit  Finnland
stand  dem  mit  der  Türkei  vor  dem  Kriege  nicht  nach,  eine  Tatsache,  welche
vielleicht  manche  überraschen  wird  —  die  Dinge  so  weit  gefördert  haben,
daß  bei  der  gegenseitigen  freundlichen  Gesinnung  ein  Abschluß,  soweit
Voraussagen  möglich  sind,  in  absehbarer  Zeit  mit  Sicherheit  zu  erwarten