Full text : Rummelsburger Kreisblatt. 69. Jahrgang 1914 (69)

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B.  Nichtamtlicher  Ceil.

Kartoffelstärke  verläängert  unser  Brotgetreide.
Von  Professor  Dr.  E.  Parow.

Weizen  und  Roggen  bilden  in  der  Hauptsache  das
Ausgangsmatertal  für  unser  Brotmehl.  Während  wir
von  unserer  Roggenernte  in  normalen  Zeiten  bedeutende
Mengen  ausführen  können,  müssen  wir  an  Weizen  noch
wesentlich  größere  Mengen  einführern.  In  Geld  ausgedrückt,
  hatte  die  Roggenausfuhr  im  vortaen  Il#hre  einen
Wert  von  133  Millionen  Mark,  die  Weizeneinfuhr  da—
gegen  einen  Wert  von  417  Millionen  Mark.  Aus  diesen
Zahlen  geht  ohne  weiteres  heivor,  daß  bei  einem  Aufhören
der  Ausfuhr  und  Einfuhr  von  Brotgetreide  ver  inländtsche
  Bedarf  nicht  genügend  gedeckt  ist.  Der  Krieg  verhindert
  die  Zufuhr  von  außerhalb;  er  erschwert  auch  die
Bestellung  des  Ackers  und  deeinträchtigt  radurch  die  neue
Ernte.  Mit  einem  großen  Ausfall  an  Brotgetreide
  müssen  wir  rechnen;  aber  diesen  Ausfall
zu  mildern,  ist  eiserne  Notwendigkett.  In  unserer
  Landwirtschaft  steckt  eine  große  Krafr.  Es
gilt  nun,  diese  Kraft  zu  benutzen,  sie  richtig  anzuwenden.


Von  allen  landwirtschaftlichen  Erzeugnissen  ist  die
Kartoffel  diejenige  Frucht,  welche  die  vielseitigste  Verwendung
  findet.  Als  Volksnahrungsmtttel  steht  an  erster
die  Kartoff  1.  Diese  und  die  aus  ihr  hergestellten  Fabrikate,
  wie  Stärke,  Flocken  und  Walzmehl,  erhalten  aber
jetzt  noch  eine  besondere  Bereutung  dadurch,  daß  diese  am
besten  geeignet  sind,  einen  Teil  des  Brotgetretdes  zu  ersetzen,
  unser  Brotmehl  zu  verlängern.  Durch  den  von
unserer  Landwirtschaft  von  jeher  stark  betriebenen  Kartoffelbau
  sind  wir  in  der  glügalichen  Lage,  große  Menges  vollwertiger
  Ersatzstoffe  der  Brotbereitung  zuzuführen.  Weite
Flächen  stehen  dem  Kartoffelbau  noch  zur  Verfügung.
Nutzen  wir  alles  aus,  so  entsteht  uns  in  der  Kartoffel
eine  Hilfsquelle,  die  den  Ausfall  an  ausländischem  Brotgetreide
  mehrfach  übertrifft  und  unsere  Broternährung  für
alle  Zeiten  sechert.  ·

UeberdkeVserwetidungvonKartoffslflockenuvd
Karteffelwalzmehl  für  die  Brotbereitung  ist  in  letzter  Zeit
in  vielen  Zettschriften  und  besonders  in  der  Zeitschrift
für  Spirtzusindustrie“,  ausführlich  berichtet.  Auch  die
Kartoffelstärke  ist  dabei  als  Ersatz  für  Brotgetreide  hervorgehoben
  worden.  Ihre  Verwendung  in  grotem  Umfange
zur  ddie  Brothäckeret  zu  empfehlen,  ist  der  Zweck  dieser

Die  Benutzung  der  Kartoffelstärke  in  Form  von  Mehl
(Stärkemehl,  Karkoffelmehl)  zum  Brotbackeo  ist  nicht  neu.
Schon  1889  hatte  die  Gertreidemißernte  den  Gedanken,
das  Stärkemehl  für  die  Brotbereitung  mitzuverwenden,
hervorgebracht.  Nach  einem  Bericht  von  Delbrück  aus
dem  Jahre  1890  hat  Saare  in  einer  Berliner  Bäckeret

Backversuche  mit  einem  Gemisch  von  Wetzen-  und  Stärkemehl

  gemacht.  Es  wurden  damals  Berliner  Semmeln
mit  einem  Zusatz  von  10  Prozent  Stärke  gebacken,  die
von  den  aus  reinem  Wetzenmehl  hergestellten  kaum  im
Geschmack  zu  unterscheiden  waren.  Auch  Roggenmehl  und
Stärkemehlt  wurden  damals  schon  verbacken,  wie  folgende
beiden  Rezepte  zeigen.

1.  „16  Pfund  feines  Roggenmehl  und  4  Pfd.  Kartoffel.
mehl  werden  trocken  zusammengemengt,  4—5  Pfund  d.  von

zum  Auskneten  zurückbehalten  und  das  andere  mit  6  Liter
Wasser,  Magermilch  oder  Buttermilch  auf  30—35  Gra?
R  erwärmt,  zu  einem  Brei  gerührt.  wozu  noch  eine  Handvoll
  Salz  und  100  Gr.  in  kaltem  Wasser  angerührter  Hefe
getan  werden.  Dann  wird  tüchtig  Mehl  darüber  gestreur,
der  Teig  warm  zugedeckt  und  an  einen  warmen  Ort  zum
Aufgehen  gestellt.  Wenn  abend  gegen  10  Uhr  angesäuer“,
wird  der  Teig  morgens  5  Uhr  ausgeknetet,  zugedeckt  und
nach  1½.  Stunden  zu  Brot  ausgenommen  und  in  den
Ofen  geschoben  und  in  einer  Stunde  gar  gebacken.“

2.  „Zu  150  Pfund  Roggenmehl  I  und  II  werden  30
Pfund  Kartoffelmehl  (prima)  verbacken.  Beim  Einsäuern
werden  30  Pfand  Karteffelmehl  zu  etwa  70  Liter  warmem
Einsäuerwasser  und  so  viel  Roagenmeh  zugesetzt,  daß  eine
breitge  Masse  entsteht.  Nach  8—9  Stunden  des  Säuerns
wird  betm  Kneten  das  übrige  Roggenmehl  verbraucht.
Der  Teig  bleibt  dann  bet  15  Grad  F.  Temperatur  zum
Aufgehen  2½  bis  3  Stunden  stehen,  worauf  die  Brote
gesormt  und  in  den  Ofen  g'schoben  werden.“

Die  auf  diese  Wetse  erzielten  Brote  stellen
ein  lockeres,  kräfttges  und  wohlschmeckendes  Landbrot
  dar.

Auch  bei  den  kürzlich  von  uns  angestellten
Backversuchen  mit  10,  15  und  20  Prozent  Stärkemehl
haben  wir  Weiß=  und  Schwarzbrot  erhalten,  daß  in  jeder
Beziehung  reinem  Wetzen=  oder  Roggenbrot  zur  Seite
gestellt  werden  kann.  Das  von  uns  befolgte,  höchst  einfache
  Rezept  ist  folgendes:  Die  entsprechenden  Mengen
Brotmehl  und  Stärkemehl  (z.  B.  1350  Gr.  Roggenmehl
und  150  Gr.  Stärkemehl,  oder  1200  Gr.  Roggenmehl
und  300  Gr.  Stärkemehl)  werden  trocken  gemischt  und
mit  einem  Liter  Wasser  und  etwa  20—25  Gr.  Salz  sowie
erwa  10—15  Gr.  Hefe  oder  Sauerteig  durchgeknetet.  Der
Teig  wiro  zugedeckt,  nach  1—2  Stunden  geformt,  eine
halde  Stunde  bei  30—35  Grad  C.  zur  Gare  stehen  gelassen
  und  dann  in  den  Backofen  geschoben,  in  welchem
dos  Brot  bei  230—250  Grad  C.  30—50  Minuten  gebacken
  wird.

Ueber  den  Nährwert  des  mit  einem  Zusatz  von  Stärkemehl
  hergestellten  Brotes  hat  sich  schon  Zuntz  im  Jahre
1890  günstig  ausgesprochen.  Wird  bei  der  Teigbereitung
statt  Wasser  Magermilch  verwendet,  so  wird  der  Eiweißgehalt
  des  Brotes  sogar  erhöht.  Bei  Verarbeitung  von
Wasser,  Roggen=  oder  Weizenmehl  und  10  Proz.  Stärkemehl
  wird  gegenüber  reinem  Roggen=  oder  Weizenbrot
der  Gehalt  an  verdaulichem  Rohprotein  in  dem  mit  Stärke
hergestellten  Brot  nur  um  0,7  bez.  0,8  Prozent  erniedrigt,
während  der  Gehalt  an  verdaulicher  Trockensubstanz  um
0,9  bezw.  0,5  Prozent  erhöht  wird.  Das  eine  Brotverteuerung
  durch  die  Verwendung  von  Stärkemehl
  zur  Brotdereitung  n  jedem  Falle  vermieden
wird,  eine  Verbilligung  des  Brotes  dagegen  sehr
wahrschetnlich  ist,  ersehen  wir  aus  einem  Vergleich
  der  Brotmehlpreise  mit  den  Stärkemehlpreisen.
  Während  der  Doppelzentner  Roggenmehl  30
bis  31  Mark  und  der  Doppelzentner  Weizenmehl  37  bis
38  Mark  kostet,  kann  der  Doppelzentner  Prima  Stärkemehl
  mit  22  bis  23  Mark  geltefert  werden.  Bei  10  Proz.