Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiter Jahrgang. 1886. (27)

Das  dentsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  26.)  131

zu  den  bereits  abgezogenen  175,000  —  verwendet  werden,  Ew.  Majestät  genau
ebenso  viel  zur  Verfügung  haben,  als  Ihr  höchstseliger  Vater,  der  noch  den
Hofstaat  der  Königin  und  die  Erziehung  zweier  Prinzen  zu  bestreiten  hatte,
und  bei  feinem  Tode  noch  mehrere  Millionen  Gulden  hinterließ.  Vor  allem
aber  müssen  die  Separatvorstellungen  in  Wegfall  kommen,  die  mit  den  neuen
Szenerien,  Maschinen  und  dem  Entgang  von  Eintrittsgeldern  einen  jährlichen
Ausfall  von  200,000  bedeuten.  Ferner  ist  die  Freigebigkeit  an  Künstler  2c.
aufs  äußerste  zu  beschränken,  wie  der  Aufenthalt  anf  dem  Lande  bedeutend
abgekürzt  werden  muß.  So  werden  Ew.  Majestät  Ruhe  und  Frieden,  das
Volk  Heil  und  Segen  ernten.  Außerdem  sind  wir  alle  des  Befehles  einer  persönlichen
  Vorstellung  gewärtig.“

In  der  Diskussion  greift  der  klerikale  Abg.  Stamminger  das  Ministerium
  heftig  an,  daß  es  nicht  früher  eingeschritten  sei.  „Am  15.  März
hatte  man  die  Uberzeugung,  daß  geistige  Nacht  auf  dem  König  lagere.
Dennoch  machte  man  weitere  Vorstellungen.  Es  liegt  nicht  zu  fern,  das
so  zu  deuten,  daß  die  Vorstellung  an  den  König  ging,  aber  für  uns  bestimmt
  war.  Es  war  schwer,  sich  zu  entschließen,  sagt  man,  gewiß,  denn
da  man  sich  immer  auf  das  Vertrauen  des  Königs  berufen,  war  es  schwer
zu  konstatieren,  daß  dies  Vertrauen  das  Vertrauen  eines  Irrsinnigen  sei.
Die  Besprechungen  über  die  projektierte  Staatsanleihe  zu  Gunsten  der  Kabinetskasse
  liegen  nach  dem  15.  März.  Dabei  wurde  mit  keinem  Worte
des  geistigen  Zustandes  gedacht.  So  entstand  bei  dem  Volk  die  Legende,
daß  wenn  die  Kammer  für  eine  Vorlage  eingetreten  sei,  der  König  noch
länger  im  Sinne  des  Ministerums  regierungsfähig  gewesen  wäre.  Am
8.  Juni  wurde  das  Gutachten  eingeholt.  Einige  Tage  zuvor  ließ  man
den  König  noch  Gesuche,  wo  es  um  Leben  und  Tod  sich  handelte,  unterschreiben,
  zwei  Gesetze  sanktionieren,  darunter  eines,  betreffend  die  Subhastationsordnung,
  dessen  Juristendeutsch  selbst  Gesunden  unverständlich  ist.  Minister
  Lutz  hat  im  Reichsrat  richtig  gesagt,  der  Grenzpunkt  mußte  einmal
fixiert  werden,  aber  war  es  nicht  besser,  den  König  zu  isolieren?  Nach  der
Verfassung  regiert  der  König,  die  Minister  gegenzeichnen,  bei  uns  regieren
die  Minister,  der  König  gegenzeichnet."“

Ministerpräsident  Lutz  widerlegt  die  Angriffe  des  Redners.  Ein  anderer
klerikaler  Redner,  der  Abgeordnete  Walter,  verlangt  einen  Wechsel  des  Ministeriums:
  „Ich  muß  Ihnen  sagen,  daß  die  gegenwärtig  kursierenden  Gerüchte
  die  Erbitterung  im  Volke  noch  mehr  zu  steigern  geeignet  sind.  Der
Grund  dazu  ist  nicht  schwer  zu  finden,  ich  sehe  nämlich  in  einer  Zeitung  das
Urteil  eines  Wiener  Irrenarztes,  von  dem  wenigstens  der  Satz  richtig  ist,
daß  er  Ludwig  II.  mit  Sultan  Murad  V.  vergleicht.  Dieser  Satz  entspricht
der  Überzeugung  des  größten  Teiles  des  Bayernvolkes,  welches  sich  sagt,
wenn  die  Umgebung  des  Königs  eine  andere  gewesen  wäre  (Unruhe  links),
dann  wäre  es  vielleicht  nicht  so  weit  gekommen,  es  wäre  die  Katastrophe  vielleicht
  erst  später,  jedenfalls  aber  nicht  in  der  Weise  eingetreten  wie  jetzt.  Mir
ist  überhaupt  unerfindlich,  wie  die  Dinge,  die  das  ganze  Volk  uebt.  dem
Ministerium  unbekannt  bleiben  konnten.  Noch  1882  erfolgte  ein  Vertrauensvotum
  für  den  Ministerpräsidenten  seitens  des  Monarchen,  das  offenbar  darauf
  berechnet  war,  unsere  Opposition  zu  blenden.  Das  Mißtrauen,  das  überhaupt
  schon  ziemlich  groß  war,  ist  noch  mehr  gestiegen;  es  ist  das  die  Anschauung
  aller  unserer  Wähler,  und  unsere  traurige  Pflicht  ist,  es  in  diesem
Augenblicke  konstatieren  zu  müssen.  Die  Männer,  die  am  Staatsruder  gegenwärtig
  stehen  (ich  stelle  keinen  Antrag),  haben  ihre  Königstreue  dadurch  bethätigt,
  daß  sie  die  Einsefung  einer  Regentschaft  in  Aussicht  nahmen,  was
vielleicht  noch  weitere  Konsequenzen  haben  dürfte.  Wenn  auch  das  Volk  über
die  Krankheit  seines  Königs  vollkommen  beruhigt  sein  wird,  dürfte  es  doch

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