14 Napoleons III. deutsches Programm vom 11. Juni.
der französische Kaiser als sein deutsches Programm formuliert: engere Verbindung der deutschen
Mittelstaaten untereinander in einem kraftvollen Bundesverhältnis, Verstärkung und
größere Gleichförmigkeit der norddeutschen Stellung Preußens (plus d ´homogénéilé el de force
dans le nord), Aufrechterhaltung der großen Stellung Österreichs in Deutschland. Für sein
eigenes Land nahm der französische Kaiser in dem Schreiben eine territoriale Vergrößerung
nicht in Anspruch, es sei denn, daß in dem bevorstehenden Kriege die europäische Landkarte
zum ausschließlichen Vorteile einer der beiden beteiligten Großmächte verändert werden und
daß benachbarte Provinzen — es war nicht gesagt, ob deutsche oder belgische — in freier
Abstimmung ihre Annexion an Frankreich wünschen sollten. Die Unbestimmtheit und Unklarheit
dieses ganz unvereinbare Forderungen in sich lebende Programms, die zu den verschiedensten
Interpretationen in der französischen Presse führte, gab dem preußischen Botschafter
in Paris Anlaß zu dem Versuche, durch Rücksprachen mit Kaiser Napoleon und seinem
Minister, über die er am 13., 17. und 19. nach Berlin berichtete, den tieferen Sinn der kaiserlichen
Ziele zu ergründen. Er bemühte sich dabei, vor allem dem Kaiser zu beweisen, daß die
Aufrechterhaltung der bisberigen Stellung Österreichs zu Deutschland mit der Erfüllung der
nationalen deutschen Bestrebungen und mit den spezifischen Interessen Frankreichs nicht vereinbar
sei. Aber weder der Kaiser noch Drouyn de yLhus waren geneigt, am Vorabend des
Krieges aus der gewollten Unklarheit herauszutreten. Immerhin ließ sich Napoleon die für
Preußen wertvolle Äußerung entlocken, daß er in dem preußischen Bundesreformplan (der
doch die Ausschließung Österreichs aus dem Deutschen Bunde vorsah) nichts erblicke, was den
franösischen Interessen widerstreite. Drouyn de Lhuys aber gab, indem er betonte, daß übermäßige
(colossales) Erwerbungen Preußens für Frankreich den Vorteil überwiegen könnten,
den die Auflösung der bisherigen Verhältnisse dem Kaiserreich in Aussicht zu stellen geeignet
sei, zu erkennen, daß mäßige Erwerbungen im nördlichen Deutschland keinen französischen Einspruch
hervorrufen würden. Ausdrücklich erklärte der französische Minister dem preußischen
Botschafter, daß der Ausdruck „plus d’homogénéité dans le nord“, dessen Unklarheit Goltz
bemängelte, mehr im geographischen als im ethnographischen Sinne aufzufassen sei, d. h., er
stimmte einer Interpretation der kaiserlichen Auslassungen dahin zu, daß eine festere geographische
Verbindung der östlichen und der westlichen Hälfte Preußens durch Erwerbungen, die
nur auf Kosten Hannovers und Kurhessens möglich waren, wünschenswert sei. Seinerseits
unterließ es der preußische Botschafter nicht, Drouyn de Lhuys nachdrücklich darauf hinzuweisen,
daß der preußischen Politik in dieser Beziehung volle Freiheit zurückgegeben sei, nachdem
Sachsen, Hannover und Kurhessen das preußische Angebot abgelehnt hätten, ihnen bei Eingehung
eines Bündnisses Souveränität und Territorialintegrität zu garantieren. Für Bismarck
lag die Hauptbedeutung des kaiserlichen Briefes vom 11. Juni und der weiteren Auslassungen
Napoleons III. und Drouyn de Lhuys im Gespräch mit Goltz in der klaren Bestätigung seiner
schon im eigenen Verkehr mit den Leitern der französischen Politik geschöpften Auffassung —
auf die auch der preußische Reformplan vom 10. Juni bereits gegründet war —, daß der
Kaiser und seine Ratgeber Preußen unter allen Umständen auf Norddeutschland beschränkt
wissen, ihm hier aber freien Spielraum, auch und gerade in Bezug auf Annexionen lassen wollten,
und weiter, daß sie, wenn nur den süddeutschen Staaten die Möglichkeit gewahrt werde, sich
in einem kraftvollen, von Preußen unabhängigen Bundesverhältnis zusammenzuschließen, in
Bezug auf die Stellung Österreichs zu Deutschland mit sich reden lassen würden.
Berlin, den 21. Juni 1866.
(abgegangen am 9. Juli)
Ew. pp. gefälligen Bericht Nr. 343 vom 17. d. M., welcher sich auf die dem Briefe
Seiner Majestät des Kaisers Napoleon gegebenen Auslegungen sowie auf die eigenen
Äußerungen des letzteren darüber bezieht, habe ich ebenso wie Ihre späteren durch Herrn
von Radowitz² gesandten Berichte erhalten und nicht gesäumt, denselben Seiner Majestät
dem Könige unserem allergnädigsten Herrn vorzulegen. Allerhöchstderselbe hat mit Beriedigung
von diesen Äußerungen Kenntnis genommen; und ich habe Ew. pp. ergebenst zu
ersuchen, bei dargebotener Gelegenheit dem Kaiser auszusprechen, wie Seine Majestät die
fortdauernden günstigen Gesinnungen und die den freundschaftlichen Beziehungen entsprechende
Haltung des Kaisers dankbar anerkenne.
Ew. pp. ersuche ich, davon Anlaß zu nehmen zu der Bemerkung, daß sich auch durch
die eingetretenen Kriegsverhältnisse unsere Ziele nicht veränderten, und daß wir fort-
² Der Legationssekretär bei der Pariser Botschaft v. Radowitz, der den Krieg im Hauptquartier
des Prinzen Friedrich Karl von Preußen mitmachte, war am 19. von Paris abgereist. Vgl. H. Holborn,
Aufzeichnungen und Erinnerungen aus dem Leben des Botschafters J. M. v. Radowitz, I, 96.