November 1907. 65
Wir können durch vereinzelte Friedensangebote, auch wenn sie noch
so gut gemeint sind, unsere Ostmarkenpolitik nicht aus den festen und bewährten
Bahnen drängen lassen, in denen sie sich bewegt. Wir halten fest
an den Maximen des großen Königs, der durch seine im Jahre 1772 ersolgte
Erwerbung der Nation das Erbe wiedergab, das sie in trüber Zeit
verloren hatte. Er hat als die erste Voraussetzung für die danernde Angliederung
der ehemals polnischen Landesteile an den preußischen Staat
eine energische Ansiedlung deutscher Leute erkannt und sofort in Angriff
genommen. Wir wissen ebensogut wie die Polen, daß wir unser Ziel nur
erreichen können, wenn wir zunächst im Grundbesitz in allen wichtigen
Punkten dem Deutschtum zum lUlbergewicht verhelsen. Ist dieses Ubergewicht
erst dauernd gesichert und als unerschütterlich anerkannt, dann
wird auch, wie ich hoffe, das Polentum die Hoffnung auf Losreißung
dieser Gebiete vom preußischen Staat endgültig aufgeben, dann wird die
großpolnische Agitation zur Ruhe kommen, dann wird nach König Friedrich
Wilhelms III. Wort „Deutschland wirklich gewonnen haben, was Preußen
erworben hat“; dann wird auch manche Maßregel wegfallen können, die
jetzt unseren polnischen Mitbürgern lästig ist und von ihnen angeblich als
Verletzung ihrer nationalen Empfindungen gefühlt wird.
Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg, und wir können unser Ziel
nur erreichen, wenn wir ihm unermüdlich, stetig und mutig zustreben.
Auf diesem Gebiete gibt es für den preußischen Staat kein Zurück.
An dieses Hohe Haus aber richte ich die Bitte: helfen Sie uns vorwärts
durch Annahme dieses Gesetzentwurfes! Damit dienen Sie nicht
nur dem Deutschtum in unserer Ostmark, sondern besser als mit halben
Maßregeln auch dem Frieden in ihr und damit allen ihren Bewohnern.
(Lebhaftes Bravo rechts und bei den Nationalliberalen, Zischen bei den
Polen, wiederholter Beifall und wiederholtes Zischen.)
6. Prozeß Moltke-Harden. — Ramarilla. — Die Reichstagsauflösung.
Sitzung des Reichstags vom 28. November 1907.
Am 28. November 1907 begann im Reichstage die erste Beratung des Etats für
1908, in der Fürst Bülow sogleich nach den Staatssekretären v. Stengel und
v. Tirpitz und den Abgeordneten Dr Spahn und v. Richthofen das Wort
ergriff.
Hötzsch, Fürst Bülows Reden 2c. III. 5