—- 1909 —
Gewiss wäre es töricht, anzunehmen, die deutschen Sozialdemokraten
würden am ersten Tage, wo Deutschland und
Frankreich handgemein werden, das Gewehr umkehren; aber
es wird für die Reichsregierung von grösster Bedeutung sein,
ihnen die Ueberzeugung beizubringen, einerseits, dass wir die
Angreifenden sind, und anderseits, dass sie volles "Vertrauen in
die Führung und den Ausgang des Kampfes haben können.
Ich war überrascht, bei der letzten Beeidigung der Garderekruten
in Potsdam den Kaiser in seiner Ansprache an die
Jungen Soldaten über das Thema sprechen zu hören: « Die
Pflicht, in schlechten Zeiten mutiger und disziplinierter zu sein
als in guten. »
Und weil eine erste Niederlage der Deutschen für das Reich
von unberechenbarer Tragweite wäre, darum zielen alle vom
Grossen Generalstab ausgearbeiteten Militärpläne auf eine niederschmetternde
Offensive gegen Frankreich hin. -
In Wirklichkeit will sich die Reichsregierung in stand
setzen, allen möglichen Ereignissen gewachsen zu sein. Von
Seiten Frankreichs scheint ihr die Gefahr am grössten. Die
« Kölnische Zeitung » sagte es offen in einem gehässigen und
heftigen Artikel, der allerdings von der Wilhelmstrasse missbilligt
wurde, aber mehr nur in seiner Form als in seinem
Inhalt.
Wir müssen davon überzeugt sein, dass die von der « Kölnischen
Zeitung » geäusserte Ansicht zur Stunde von der übergrossen
Mehrheit des deutschen Volkes geteilt wird.
Nach dieser Richtung dürfte es von Interesse sein, ein Gespräch
anzuführen, das ein Mitglied unserer Botschaft an einem
der letzten Abende mit dem alten Fürsten Henckel von Donnersmark
hatte, weil es die in den Hofkreisen herrschende Denkart
wiedergeben dürfte.
Anspielend auf die neue deutsche Militärvorlage bemerkte
Fürst von Donnersmark : « Die Franzosen sind durchaus im
Unrecht, wenn sie glauben, dass wir finstere Absichten hegen
und den Krieg wünschen. Aber wir können nicht vergessen,
dass 1870 die öffentliche Meinung die französische Regierung
zwang, uns in wahnwitziger Weise anzugreifen, ohne bereit zu
sein. Wer kann uns versichern, dass die öffentliche Meinung.
die in Frankreich so leicht in Brand gerät, nicht eines schönen