356 Mebersicht der Volitischen Entwicelunz des Jahres 1893.
Ken# Ganz besonders merkwürdig in der Verschiebung der Parteigruppierung
ist die Stellung der Polen. Während die Konservativen
für die Armeereform und gegen die Handelsverträge, die
Freifinnigen für die Handelsverträge und gegen die Armeereform
stimmten, haben die Polen in den beiden großen Sachen die Regierung
unterstützt, und da es sich immer nur um geringe Majoritäten
handelte, den Ausschlag gegeben. Aus einer unbedingten
Oppositionspartei ist eine Kerntruppe der Regierung geworden. Die
sehr tiefliegenden inneren Gründe dieser Abwandlung find von einem
hervorragenden Polen im Oktober-, November= und Dezemberheft
der „Preußischen Jahrbücher“ entwickelt worden.
Land- Wie in Preußen, so fanden auch in Bayern (5. Juli), Baden
nebten (27. Okt.), Hessen (4. Okt.), Sachsen (19. Okt.) Landtagswahlen statt,
in den die hier und da einige, aber nicht sehr wesentliche Veränderungen
Sintel in der Zusammensetzung der Kammern herbeiführten. In Bayern
zweigten sich einige Klerikale ab, um die spezielle Gruppe des
„Bauernbundes“ zu bilden, und die Sozialdemokraten gewannen
zum erstenmal Mandate, 4 in Nürnberg von den Liberalen und
eins in München vom Zentrum. Infolge dieser Absplitterungen
besteht keine feste Mehrheit mehr in der Kammer. Ehbenso geschah
es in Baden, daß die Nationalliberalen um eine Stimme unter
der geschlossenen Majorität, die fie bisher besessen hatten, zurückblieben.
In Hessen gewannen die Antisemiten zum erstenmal Mandate;
auch bei den Reichstagswahlen hatten sie sich hier wieder besonders
stark gezeigt und merkwürdigerweise haben in drei Wahlkreisen
(Gießen, Lauterbach, Erbach) die Freisinnigen ihnen in den
Stichwahlen geholfen, den Nationalliberalen die Sitze zu entreißen.
Auch in Sachsen hat der Antisemitismus weitere Fortschritte gemacht,
obgleich in diesem Lande die Zahl der Juden verhältnismäßig
sehr gering ist.
Fürst Fürst Bismarck hat auch im Jahre 1893 seine oppositionelle
8 Haltung gegenüber dem „neuen Kurse“ beibehalten und in man—
cherlei Ansprachen persönlich, sowie journalistisch durch die „Hamburger
Nachrichten“ zum Ausdruck gebracht. Als er aber in Kissingen
schwer erkrankt war, sandte ihm der Kaiser von Güns in
Ungarn aus, wo er den österreichischen Manövern beiwohnte, eine