Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

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Boulanger  vertretenen  Regimes,  das  gezwungen  sein  würde,  die  chauvinistischen
  Neigungen  derjenigen  zu  befriedigen,  die  ihn  zur  Macht  gebracht
haben  würden.

Der  schon  erwähnte  Wiener  Bericht  vom  4.  Mai!)  zeigt,  daß  man  auch
dort  trotz  aller  Verstimmungen  über  Bismarcks  gleichgültige  Haltung
in  der  Balkanfrage  den  Dreibund  als  die  sicherste  Gewähr  für  die  Fortdauer
  des  Friedens  ansah.  Der  Hinzutritt  Englands  zur  Koalition  würde
den  Staatsmännern  an  der  Donau  besonders  erwünscht  gewesen  sein,
aber  —  bemerkt  Graf  de  Jonghe  d’Ardoye  —  „es  würde  den  Gewohnheiten
der  englischen  Diplomatie  zuwider  sein,  sich  im  voraus  mit  Kontinentalmächten
  im  Hinblick  auf  unbestimmte  Möglichkeiten  festzulegen“.

Die  Lage  der  Donaumonarchie  selber  wird  durch  den  Fortschritt
des  Panslawismus  auf  dem  Balkan,  der  jetzt  auch  in  Serbien  und  Rumänien
  fühlbar  wird,  dauernd  verschlechtert.  Schon  gibt  der  Wiener
Gesandte  seiner  Besorgnis  Ausdruck,  ob  die  Könige  Milan  von  Serbien  und
Karol  von  Rumänien  noch  auf  ihre  Völker  zählen  können,  falls  sie  bei
ernsthaften  Zusammenstößen  auf  dem  Balkan  Österreich-Ungarn  treu
zu  bleiben  gedenken.  Bedenklich  war  es,  daß  der  im  Juni  1887  wegen
seiner  franzosenfreundlichen  Machenschaften  gemaßregelte  General  Bogdanowitsch?)
  auf  einen  hohen  Verwaltungsposten  berufen  und  der  Panslawist
  Ignatieff  zum  Vorsitzenden  der  sehr  einflußreichen  slawischen
Wohltätigkeitsgesellschaft  gewählt  worden  war.

Von  Bismarck  berichtet  allerdings  der  Berliner  Gesandte?),  daß  er
diese  Vorgänge  zwar  bedauere,  ihnen  aber  keine  große  Tragweite  beimesse.
Bismarck  vertrat  auch  den  Standpunkt,  daß  die  wirtschaftlichen  Vorgänge
  auf  die  auswärtigen  Beziehungen  Deutschlands  und  Rußlands
keinen  besonderen  Einfluß  ausübten.  Jeder  Staat  müsse  auf  wirtschaftlichem
  Gebiete  das  tun,  was  für  ihn  ersprießlich  sei.  Zurzeit  seien  zuviel
russische  Werte  in  Deutschland.  Er  verhinderte  daher  die  Aufnahme
einer  neuen  russischen  Anleihe  in  Deutschland,  die  nur  den  Panslawisten
die  Mittel  verschaffen  würde,  sich  in  Abenteuer  zu  stürzen‘).

Zweifellos  hat  Fürst  Bismarck  sich  hierin  geirrt.  Aus  der  wirtschaftlichen
  Abhängigkeit  Rußlands  von  Frankreich  ist  später  hauptsächlich
der  Zweibund  erwachsen.  Die  belgischen  Diplomaten  scheinen  diesen
seinen  Irrtum  erkannt  zu  haben,  denn  sie  weisen  immer  wieder  darauf  hin,
wenn  sie  auch  Bismarcks  Maßnahmen  als  eine  von  Rußland  heraufbeschworene
  berechtigte  Gegenwirkung  bezeichnen.  ‚Deutschland  und
Rußland  kratzen  und  umarmen  sich  zu  gleicher  Zeit,‘‘  soll  Bismarck
einmal  vertraulich  geäußert  und  dabei  das  Recht  beider  Staaten  betont
haben,  in  ihrer  inneren  Verwaltung  nur  mit  den  eigenen  Interessen  zu
rechnen,  ohne  daß  die  äußeren  Beziehungen  davon  berührt  würden?).

1)  Bd.  V,  S.  221  ff.  Vgl.  S.34,  Anm.  1.
2)  Vgl.  S.  26.
3)  11.  Mai  1888,  Bd.  V,  S.  46.
‘)  Bd.  V,  S.  46  und  69.
5)  Berlin,  18.  Mai  1888,  Bd.  V,  S.  69/70.
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