Full text : Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I. Fünfter Band. (5)

Verhandlungen  Manteuffel's  mit  Kaiser  Alexander.  377

ertheilte  Instruction  vorlas,  zeigte  sich  beim  Kaiser  ein  peinlicher
  Eindruck.  Er  anerkannte  lebhaft  die  Räcksicht  zu
Gunsten  Württembergs  und  Darmstadts.  Aber  die  völlige
Absetzung  ganzer  Dynastien,  sagte  er,  erfülle  ihn  mit  Schrecken;
das  sei  nicht  Stärkung,  sondern  Schwächung  des  monarchischen
Princips,  denn  diese  Dynastien  beruhten  auf  demselben  Boden
von  Gottes  Gnaden,  wie  das  preußische  Königshaus.  Er
tadelte  das  italienische  Bündniß  und  fürchtete  von  dem  angekündigten
  deutschen  Parlamente  revolutionäre  Gefahren.
Manteuffel  meinte,  Bismarck  habe  gezeigt,  daß  er  mit  Parlamenten
  umzugehen  wisse;  ich  zweifle  nicht,  rief  der  Kaiser,
an  seinem  guten  Willen,  aber  das  Wort  Parlament  hat  ganz
Süddeutschland  in  Gährung  gesetzt,  so  daß  Baden  und
Darmstadt  schon  von  ihrem  Wunsche  reden,  in  den  norddeutschen
  Bund  einzutreten,  da  Bayern  sie  nicht  stützen  könne,
und  Osterreich  auf  Deutschland  nicht  mehr  einwirken  dürfe.
Manteuffel  führte  dagegen  aus,  je  befriedigender  die  preußischen
  Erfolge  seien,  desto  fester  würde  Preußens  Monarch  das
Regiment  in  seiner  königlichen  Hand  behalten.

Die  Besprechung  der  süddeutschen  Verhältnisse  brachte
den  Kaiser  auf  Frankreich.  Manteuffel  berichtete  darüber
dem  Könige:  „Ich  trug  ihm  meine  Ansicht  über  Napoleon's
Hintergedanken  bei  seiner  Mediation  vor.  Der  Kaiser  sagte
mir,  daß  nach  seinen  Nachrichten  Napoleon  die  Grenzen  von
1814  fordern  wolle.  Er  denkt  und  fühlt  über  Napoleon
genau  so  wie  Ew.  Majestät.  Ich  bin  selten  einer  solchen
Übereinstimmung  begegnet"  9.

Bei  der  Entlassung  sagte  Alexander  noch:  Die  völlige
Entthronung  ganzer  Dynastien  ängstigt  mich.

1)  Wie  das  Obige  aus  Manteuffel's  Bericht  an  den  König  vom