thumbs : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

128  Bie  Ferreichisch-umserische  Menarchie.  (Juni  25.—26.)

den  Aufgaben  der  Volksernährung  und  den  damit  zusammenhängenden
Fragen  einschließlich  der  Kohlenversorgung  ihre  vollste  Aufmerksamkeit  zuwenden
  wird,  und  zwar  sowohl  in  der  Richtung  der  Produktionsförderung
als  in  jener  einer  gerechten  Vorratsverteilung.  Damit,  hohes  Haus,  ist
mein  Thema  erschöpft.  Denn  darüber  hinausgehende  Ambitionen  hat  die
gegenwärtige  Regierung  nicht.  Sie  betrachtet  aber  die  aufgestellten  Ziele
immerhin  als  so  hohe,  daß  sie  zu  ihrer  Erreichung  alle  ihre  Kräfte  einusetzen
  bereit  ist.  Ich  bitte  das  hohe  Haus,  sie  in  diesem  Bestreben  taträftigst
  zu  unterstützen,  und  ich  glaube,  daß  jede  Partei  unbeschadet  des
eigenen  politischen  Standpunktes  zur  Durchführung  dieses  Programmes
der  Regierung  die  erbetene  Unterstützung  gewähren  könnte.  Nach  dem  Gesagten
  trägt  das  Kabinett,  das  sich  heute  dem  hohen  Hause  vorzustellen
die  Ehre  hat,  einen  provisorischen  Charakter  an  sich.  Seine  Amtsführung
  soll  der  Fortsetzung  jener  bereits  eingeleiteten  Aktion,  die  auf  die
Schaffung  der  politischen  Voraussetzungen  für  eine  weiter  ausgreifende
Tätigkeit  der  Bolksvertretung  abzielt,  in  keiner  Weise  präjudizieren,  sondern
ihr  im  Gegenteil  freien  Spielraum  schaffen.  Ist  diese  Entwicklung  zum
Abschlusse  gekommen,  so  wird  das  Kabinett  —  in  dem  frohen  Bewußtsein
erfüllter  Pflicht  —  einer  definitiven  Regierung  den  Platz  räumen.

Hierauf  beginnt  die  zweite  Lesung  des  Budgetprovisoriums.
Der  Leiter  des  Finanzministeriums,  Dr.  Frhr.  v.  Wimmer,  stimmt  der
Einschränkung  des  Budgetprovisoriums  auf  vier  Monate  sowie  der  Beschränkung
  der  Kreditermächtigung  auf  sechs  Milliarden  zu  und  sagt,  es
sei  anzunehmen,  daß  man  mit  diesem  Betrage  während  der  nächsten  vier
Monate  ausreiche.  Bezüglich  der  Anregung,  für  die  hilfsbedürftigen  Staatsbediensteten
  eine  größere  Aktion  einzuleiten,  erklärt  der  Minister,  daß  die
Regierung  sich  wohl  bewußt  sei,  in  welch  außerordentlich  schwieriger  Lage
sich  ein  großer  Teil  der  Staatsbediensteten  befinde  und  daß  sie  die  Frage
der  Abhilfe  eingehend  prüfen  und  erwägen  werde.  Eine  heilige  Pflicht  der
Finanzverwaltung  sei  strenge  Sparsamkeit.  Dennoch  müßten  für  die  Förderung
  und  Entwicklung  der  Produktion  unter  allen  Umständen  die  Mittel
aufgebracht  werden.  Die  Vorlage  des  Budgets  werde  im  Herbst  möglich
sein.  Der  Minister  stellt  die  außerordentlichen  Erfolge  der  sechsten  Kriegsanleihe
  fest,  die  ein  Ergebnis  von  sicher  fünf  Milliarden  habe.  Der  Erfolg
sei  durchaus  echt.  Die  Notenpresse  wird  für  Zwecke  der  Kriegsanleihe  nicht
in  Anspruch  genommen.

Am  26.  wird  das  Budgetprovisorium  in  zweiter  Lesung  mit  292
gegen  150  Stimmen  (der  Tschechen  und  Ruth.)  angenommen.

In  der  Sitzung  vom  25.  wird  die  vom  früheren  Minister  für  Landesverteidigung
  Frhrn.  v.  Georgi  im  schriftlichen  Wege  erfolgte  Beantwortung
  der  Interpellation  der  Abgg.  Dr.  v.  Langenhan  und  Gen.  betr.
die  Beleidigung  des  Offiziersstandes  im  allgemeinen  und  der  Offiiere

  deutscher  Nationalität  im  besonderen  durch  tschechische  und  slowenische
eichsratsabgeordnete  dem  Hause  mitgeteilt.

Es  heißt  darin:  Die  meisten  der  bisherigen  Redner  sind  hauptsächlich
darauf  ausgegangen,  alle  möglichen  Klagen  vorzubringen  über  Dinge,  die
sich  meist  hinter  der  Front  oder  gar  im  Hinterlande  zugetragen  haben.
Der  großen  Kulturarbeit  in  jeder  Richtung,  die  unsere  braven  Truppen,
nimmermüde  in  den  Kampf-  und  Ruhepausen,  überall  geleistet  haben,  gedenken
  nur  wenige  Herren,  die  meisten  kritisieren  nur,  und  nachträgliche
Kritik  ist  leicht,  ob  berechtigt  oder  nicht.  Es  ist  gewiß  vieles  geschehen,
was  sich  trotz  der  außergewöhnlichen  Verhältnisse  kaum  erklären,  gewiß
aber  nicht  rechtfertigen  läßt,  aber  verallgemeinert  darf  nicht  werden,  unsere
Heeresmacht  als  solche  nicht  in  so  wahlloser  Weise  angegriffen  werden.