386 Boxenee und Srienzee: Französisch und Englisch.
Im schroffsten Gegensatze zu Ploetz steht das bei Velhagen und Klasing
erschienene “Lehrbuch der französischen Sprache auf Grundlage der
Anschauung von Roßmann und Schmidt’, 1. Teil, 23. Aufl. 1904; 2. Teil,
3. Aufl. 1905. Das Buch kann als typischer Vertreter der imitativen
Methode betrachtet werden, welcher die sogenannte ‘natürliche Spracherlernung’
zugrunde liegt, die ihrerseits wieder von der Anschauung ausgeht. Die Anhänger
der natürlichen Spracherlernung verlangen, man solle die Fremdsprache auf
demselben Wege erlernen lassen, wie das Kind seine Muttersprache lernt. Daß
dies im strengen Sinne des Wortes unmöglich ist, liegt auf der Hand. Es
gibt nur eine natürliche Spracherlernung, das ist eben die Erlernung der
Muttersprache; jede andere Erlernung einer Sprache ist und bleibt künstlich,
wie sehr man sich auch bemühen mag, sich das fremde Idiom auf möglichst
natürlichem Wege anzueignen. Dazu hilft allerdings die Anschauung im
hohen Maße. Ob es aber stets angebracht ist, diesen Weg zu beschreiten, ist
eine andere Frage, die wir nicht ohne weiteres mit ja beantworten möchten.
Hier spielen die einschlägigen Verhältnisse, insbesondere Schulgattung, Lehrziel
und Lehrordnung eine ausschlaggebende Rolle, mit der gerechnet werden
muß. Roßmann-Schmidt wird ohne Zweifel z. B. den Mädchenschulen gute
Dienste leisten und ist sicherlich ein methodisch tief durchdachtes und gut
durchgeführtes Werk, für Gymnasien und Realgymnasien ist es aus den eben
angeführten Gründen nicht verwendbar. Daß dem Lehrbuche eine Lauttafel, die
von Vietor und Passy durchgesehen und gebilligt ist, nicht fehlt, darf als selbstverständlich
gelten. Die Lautschrift selbst tritt insofern in nicht unbescheidenem
Maße hervor, als nur eine kurze Reihe kleiner Stücke, meist Gedichtchen usw.,
darin umgesetzt sind, und als sie im Wörterverzeichnis in Klammern den Vokabeln
hinzugefügt ist. Ein Liederanhang mit Noten trägt zur Belebung des Unterrichts
unzweifelhaft bei, wie denn im Lehrstoffe selbst die Verwendung zahlreicher
Rätsel, Scherze, Sprichwörter, sprichwörtlicher Redensarten,
Ausspracheübungen usw. dem Buche einen ungemein anziehenden Charakter
verleihen. Das grammatische Wissen wird analytisch aus dem Lehrstoffe gewonnen,
wobei das Lehrbuch selbst zu fortgesetzten grammatischen Übungen
anleitet; indessen fehlt auch die systematische Grammatik, die erschöpfend
und gut gearbeitet ist, in dem Werke nicht. Ganz konsequent in der Durchführung
ihrer Grundsätze sind die Verfasser freilich nicht geblieben: im zweiten Teile, in
dem die Anschauungsmittel in Gestalt der kleinen Abbildungen mehr zurücktreten,
erscheinen von S.8an unter dem Titel ‘Exercices de grammaire’ plötzlich deutsche
Einzelsätze, die dann, wenn auch in nicht zu starker Anzahl, von Zeit zu
Zeit regelmäßig wiederkehren. Aber schon im Jahre 1899 mußten sich die
Verfasser entschließen, einen weiteren Schritt zu tun: sie mußten, wohl mehr
‘der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe’, deutsche Übersetzungsübungen
zu ihrem Lehrbuch schreiben, was ganz sicher nicht im Einklang
mit den Forderungen der imitativen Methode steht. Wie ungern sie diese
zumeist im engen Anschluß an die französischen Texte des Lehrbuchs gehaltenen
deutschen Stücke veröffentlicht haben, geht deutlich aus der Vorrede zur