Deutsche Kriegswirtschaft. 155
nicht vorbanden sind. Auch unsere Neigung zum Uberbewerten ausländischer
Waren zeitigte manch überflüssige Einfuhr, manches Verkennen
eigener Produktionskraft und half so das Bild unserer weltwirtschaftlichen
Stellung vor dem Kriege verschleiern.
Prufen wir dieses Bild rückschauend genau, so war es das einer außerordentlich
entwickelten Arbeitskraft, gestützt auf Erziehung des Einordnungsgeistes
durch den „Militariemus“, gestützt auf die wissenschaftliche
Gründlichkeit der Produktionsmethode, gestützt auf die durch soziale
Fürsorge geförderte Volksgesundbeit, gestützt auch auf wertvolle Schätze
des deutschen Bodens. Freilich fehlten dem wirtschaftlichen Bau auch nicht
dic schwachen Punkte. Den gesteigerten Ansprüchen einer dichten Bevölkerung
an das tägliche Leben vermochte der eigene Boden mit seinen
Erträgen nicht zu genügen. Um unseren Rohstoffbedarf bezahlen und um
unsere Arbeitskraft lohnend beschäftigen zu können, mußten wir in bedeutendem
Maße für den Export arbeiten, wodurch der NRohstoffbedarf
wieder weiter gesteigert wurde.
Manche Erscheinung war ungesund. Unserer Landwirtschaft feblte
durchschnittlich 1 Million Arbeitskräftec. Das steigerte unsere Abbängigkeit
von fremdem Zugang und fremder Zufuhr. Diese Million, die sich auf dem
Lande selbst bätte ernähren und zur Ernährung anderer hätte beitragen
können, forderte in der Industrie weitere Zufuhr von Nahrungemitteln
und von Rohstoffen. Es gehört zu den Beweisen unserer durchaue friedlichen
Gesinnung, gereicht uns aber nicht zum Vorteil, daß wir in unserer
engen Berquickung mit der Weltwirtschaft an deren unbedingte Aufrechterhaltung
und an die Sicherheit des Weltfriedens glauben zu dürfen
meinten und unbedenklich unsere Abhängigkeit vom Weltmarkt steigerten,
anstatt der inneren Sicherung unseres wirtschaftlichen Aufbaues größere
Sorge zu widmen. Daß wir so schnell in die Stellung einer ersten
Weltwirtschaftemacht hineingewachsen waren, veranlaßte unsere Neider
schließlich, gegen une loszuschlagen, noch bevor solche sorglos gesteigerte
Abbänglgkeit von der Weltwirtschaft schädlichere Folgen für unsere innere
Struktur gezeitigt.
In dieser Lage gerieten wir hinein in das Getricbe der Kriegewirtschaft.
Kriegswirtschaft! Wir haben den Begriff kennen gelernt,
haben uns fünf Zahre lang täglich mit seinem Inhalt beschäftigen müssen.
Vor dem Weltbrand war das Thema nicht beliebt. Aur ganz vereinzelte
Prediger in der Wüste — oder waren es nach dem alten Wort Propheten,
die im eigenen Vaterlande nichts galten? — bemühten sich, Verständnie
dafür zu erwecken, daß wir in den langen Friedenszeiten uns vertraut
machen müßten mit den Bedürfnissen der eines Tages doch sicherlich
einzurichtenden Kriegewirtschaft.